Wertorientierungen

Wertorientierungen als Ressource in der Sozialen Arbeit für und mit Mädchen und Frauen


Soziale Arbeit mit und für Mädchen und Frauen wurde in den 1970er Jahren durch die Frauenprojektebewegung „entdeckt“. Seit dieser Zeit ist eine geschlechterorientierte soziale Arbeit in der Diskussion - positiv formuliert! Negativ formuliert ist eine geschlechterorientierte soziale Arbeit, und zwar anfänglich eine nahezu ausschließlich mädchen- und frauenorientierte soziale Arbeit, unter einem ständigen Legitimationsdruck. Und dies, obwohl eine differenzierte Zielgruppenorientierung in der sozialen Arbeit ansonsten eine niemals in Frage gestellte professionelle Selbstverständlichkeit1 ist. Immer wieder werden Argumente gegen eine explizite Mädchen- und Frauenarbeit vorgebracht, die in der Regel in dem Vorwurf der Diskriminierung von Jungen und Männern gipfeln. Dieser Vorwurf der Diskriminierung des „anderen“ Geschlechts - in dieser Variante dann von Mädchen und Frauen - wird mittlerweile auch gerne gegenüber den immer noch eher nur vereinzelt vorhandenen Jungen- und Männerprojekten erhoben.
Sehr ernste und durchaus auch ernst zu nehmende Bedenken werden hier im Zusammenhang mit der „Täterarbeit“ vorgebracht, eine Arbeit, die durch das seit Ende des Jahres 2001 endlich geltende Gewaltschutzgesetz angeschoben wurde. Diese Bedenken haben sich durchaus verständlicher Weise aus einer mittlerweile jahrzehntelangen Opfer, sprich Frauenperspektive auf das Phänomen der häuslichen Gewalt entwickelt: So heißt es in einer Stellungnahme der Teilnehmerinnen der Arbeitsgruppe autonomer Frauenhäuser zum Aktionsplan der Bundesregierung zur Bekämpfung häuslicher Gewalt, dessen Bestandteil oben genanntes Gewaltschutzgesetz ist, - und dies sei hier stellvertretend für alle Skeptikerinnen und durchaus auch Skeptiker aus der praktischen sozial(politisch)en Arbeit zitiert: „In der 25jährigen Geschichte der autonomen Frauenhäuser haben wir es immer abgelehnt, Täterarbeit zu leisten. Ein Bestandteil des Aktionsplanes wird aber Täterarbeit und hoffentlich Täterächtung sein. Unsere Befürchtung ist allerdings, dass die finanziellen Mittel, die hierfür benötigt werden, bei den frauenparteilich arbeitenden Projekten abgezogen werden könnten. Dem werden wir aufs schärfste widersprechen und entgegentreten.“2 Stellvertretend für Warnungen aus der theoretischen bzw. wissenschaftlichen sozial(politisch)en Arbeit sei Margrit Brückner genannt: „Im Gegensatz zur Arbeit mit Schutz und Hilfe suchenden weiblichen Opfern ist die Arbeit mit männlichen Tätern eher noch in den Anfängen begriffen und bedarf des weiteren Ausbaus, allerdings ohne deshalb die Frauen- und Mädchenarbeit im Antigewaltbereich zu kürzen.“3
Das neueste Gegenargument gegen Mädchen- und Frauenarbeit (und mittlerweile auch gegen Jungen- und Männerarbeit) ist das Konzept des Gender Mainstreaming, allerdings ein falsch verstandenes Gender Mainstreaming.

Gender Mainstreaming als Argument für eine Arbeit mit Mädchen und Frauen (und Jungen und Männern)
Einleitend zu den folgenden Ausführungen soll - wie so oft - Paragraph 9 SGB VIII zitiert werden, in dem es heißt: "Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben (der Jugendhilfe) sind (...) die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern."
Diese Forderung findet ihren Niederschlag im Prinzip des Gender Mainstreaming, das 1999 durch den Amsterdamer Vertrag für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union - also auch für die Bundesrepublik - verpflichtend wurde. Gender Mainstreaming zielt darauf ab, Geschlechterfragen zum integralen Bestandteil des Verwaltungs- und Entscheidungsdenkens und -handelns zu machen. Die Europäische Kommission definiert Gender Mainstreaming als „systematische Einbeziehung der jeweiligen Situation, der Prioritäten und der Bedürfnisse von Frauen und Männern in alle Politikfelder, wobei mit Blick auf die Förderung der Gleichstellung von Frauen sämtliche allgemeinen politischen Konzepte und Maßnahmen an diesem Ziel ausgerichtet werden und bereits in der Planungsphase wie auch in der Durchführung, Begleitung und Bewertung der betreffenden Maßnahmen deren Auswirkungen auf Männer und Frauen berücksichtigt werden“4. Insofern bedeutet der Begriff Gender Mainstreaming (wörtlich übersetzt "Hauptströmung Geschlecht") in klare und deutliche Worte gefasst nichts anderes als die Anerkennung der Tatsache, dass es ein erheblicher Unterschied ist, ob ich als Mädchen und Frau oder als Junge und Mann in dieser Gesellschaft aufwachse und lebe, dass aus diesem Unterschied unterschiedliche Bedürfnisse von Frauen und Männern erwachsen bzw. erwachsen können und dass diese unterschiedlichen Lebensumstände und Bedürfnisse auch tatsächlich berücksichtigt werden. Und genau dies, nämlich die Forderung nach Berücksichtigung der Lebensumstände und Bedürfnisse beider Geschlechter - wohlgemerkt: beider Geschlechter! - ist der Kern des Handlungsprinzips des Gender Mainstreaming. Da durch die Beschränkung auf stereotype Vorstellungen von Geschlechteridentitäten Jungen wie Mädchen, Männer wie Frauen betroffen sind, nimmt Gender Mainstreaming auch beide Geschlechter in den Blick. Dadurch können Auseinandersetzungen mit der Kategorie Geschlecht kein vermeintliches Frauenthema mehr sein und Frauen auch keine "Sondergruppe" mehr. Allerdings erlebt die Frauen- und Mädchenarbeit - genauso wie die sich allmählich entwickelnde Männer- und Jungenarbeit - derzeit eine merkwürdige Verkehrung des Gender-Mainstreaming-Prinzips: Der Verweis darauf wird dazu missbraucht, Unterschiede zwischen Frauen und Männern nun erneut zu tabuisieren oder aber die Existenzberechtigung reiner Frauen- und Mädchenprojekte oder Männer- und Jungenprojekte infrage zu stellen. Solche Gleichmacherei ist unzulässig. Die EU hat unmissverständlich festgestellt, dass die Lebenslagen von Mädchen im Vergleich zu denen der Jungen nicht nur andere sind, sondern dass sie nach wie vor durch strukturelle Benachteiligung gekennzeichnet sind und dass Gender Mainstreaming entsprechend eine Ergänzung und keinesfalls ein Ersatz bisheriger Frauenförderinstrumente ist, wie zum Beispiel Gesetzesvorgaben, Quotierung, die Institution der Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragten oder der autonomen Praxis von Frauen- und Mädchenarbeit.5 Indem z. B. Mädchenprojekte zum einen ein wichtiger Beitrag zur Herstellung von Chancengleichheit sind wie auch der Auslöser für ein modernes Denken in der Kinder- und Jugendhilfe selbst, "befreit das Gender Mainstreaming die Mädchenpädagoginnen aus der Rolle der Bittstellerin, auf die sie bislang häufig verwiesen wurden. Ihre Anregungen und Erfahrungen müssten spätestens jetzt der Verwaltung und dem Jugendamt willkommen sein, damit sie ihrer originären Verpflichtung zur Umsetzung des Gender Mainstreaming nachkommen können"6.
Bedauerlicher, allerdings nicht überraschender Weise stellt sich genau hier das Problem: Niemand kann allen Ernstes daran glauben, es könne plötzlich, quasi über Nacht, zu einer Geschlechtersensibilität der Verwaltungen kommen.
An dieser Stelle rückt spezifisches Arbeitsfeld im Bereich der Frauen- und Mädchenarbeit in den Blickpunkt, nämlich das Arbeitsfeld der Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragten. Wer, wenn nicht sie, sollte die mögliche Entwicklung überwachen (und korrigieren), dass sich die Politik des Gender Mainstreaming am Ende verflüchtigt, wenn alle verantwortlich sein sollen und sich letztlich kein einzelner - in der Regel keine einzelne! - mehr verantwortlich fühlt? Wenn Gender Mainstreaming als systematische Einbeziehung der jeweiligen Situation, der Prioritäten und der Bedürfnisse von Frauen und Männern in alle Handlungsfelder der Verwaltung tatsächlich ernst genommen wird, dann wird die Funktion der Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragten also nicht etwa überflüssig, im Gegenteil: Durch das Konzept des Gender Mainstreaming kommt für die Gleichstellungsbeauftragte eine neue Aufgabe hinzu, nämlich die, innerhalb ihrer Verwaltung zu kontrollieren, dass Frauen- und Männerinteressen, Mädchen- und Jungeninteressen im täglichen Verwaltungshandeln auch tatsächlich berücksichtigt werden.

Diese wichtige Funktion der Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragten wird zunehmend von Diplom-Sozialpädagoginnen bzw. Diplom-Sozialarbeiterinnen ausgefüllt, die in immer mehr Studiengängen für Soziale Arbeit auch entsprechend qualifiziert werden. Im Folgenden möchte ich einige Aspekte dieser spezifischen Arbeit zum einen für Mädchen und Frauen (in einer durchaus klassischen Stellvertretungsfunktion), zum anderen mit Mädchen und Frauen beleuchten, und zwar auf der Grundlage von Wertorientierungen.


Gleichstellungsarbeit auf der Grundlage von Wertorientierungen
Um Gleichstellungsarbeit auf der Grundlage von Wertorientierungen beleuchten zu können, muss eingangs die Frage geklärt werden, was „Werte“ sind: Ein Wert ist nach Kluckhohn „eine ausdrückliche oder stillschweigend inbegriffene Auffassung des Wünschenswerten, eigentümlich einem Individuum oder charakteristisch für eine Gruppe, die die Auswahl unter verfügbaren Handlungsweisen, -mitteln und -zielen beeinflusst“7. Werte sind also Vorstellungen, die von einzelnen Menschen, von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, aber auch in einer Gesellschaft allgemein als wünschenswert anerkannt sind und den Menschen Orientierung geben. Ein Wert kann dabei eine explizite oder implizite Auffassung des Wünschenswerten sein. Explizit, ausdrücklich, heißt: Ich trage meine Auffassung des Wünschenswerten durch Worte und/oder Taten nach außen. Die implizite Auffassung des Wünschenswerten würde bedeuten: ich denke oder handle im Stillen, eventuell auch unbewusst nach dem, was ich mir wünsche. Unbedingt zu Werten dazu gehören Normen. Und Normen sind Imperative, also in Handlungsanweisungen übersetzte Werte.
Eine zentrale Orientierung darüber, welche Werte und Normen in unserer Gesellschaft als wünschenswert anerkannt sind, findet sich in unserem Grundgesetz. An erster Stelle steht die Menschenwürde, die Freiheit und - ein Wert, der im Zusammenhang mit Gleichstellungsarbeit natürlich von zentraler Bedeutung ist - die Gleichheit vor dem Gesetz, in Bezug auf Männer und Frauen in Artikel 3 des Grundgesetzes die "Gleichberechtigung". Im selben Artikel des Grundgesetzes ist auch gleich die dazugehörige Norm formuliert: Niemand darf wegen seines Geschlechts benachteiligt werden (Art. 3, Abs 3 GG). Und: Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin (Art.3, Abs 2 GG).
Was nun bei der folgenden Wertediskussion immer im Auge behalten werden sollte, ist, dass der Staat sich bei der Umsetzung dieses Wertes Gleichstellungs- bzw. Frauenbeauftragter bedient: Der Wert Gleichberechtigung ist in unserem Grundgesetz festgeschrieben, aufgrund dessen in den Landesverfassungen, aufgrund dessen wiederum in den Landkreis- und Gemeindeordnungen, und wiederum und letztendlich aufgrund dessen in den jeweiligen Satzungen der Kommunen, auf deren Grundlage Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragte bestellt werden, um diesen Wert umzusetzen. Noch einmal: Zur Umsetzung des Wertes bzw. der Werte Gleichheit, Gerechtigkeit oder Gleichberechtigung bedient sich unser Staat der Person der Gleichstellungsbeauftragten. Gleichstellungs- bzw. Frauenbeauftragte sind aufgrund dieses Wertes und der dazu gehörigen Norm, die beide im Grundgesetz festgeschrieben sind, bestellt.
Es ist davon auszugehen, dass die meisten Männer und Frauen einverstanden sind zum einen mit der Wertbestimmung "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", zum anderen mit der davon abgeleiteten Norm, dass niemand aufgrund seines Geschlechtes benachteiligt werden darf. Sehr viel „differenzierter“ wird der Inhalt dieses Grundgesetzartikels erfahrungsgemäß allerdings immer dann beurteilt, wenn es darum geht, ob dieser Wert und diese Norm so weit verinnerlicht ist, dass es über ein lapidares Einverständnis - unverbindlich und kostenlos! - hinaus um eine „ausdrückliche“ Auffassung dieses wünschenswerten Anspruchs geht, wie sie im Grundgesetz niedergelegt ist: Wenn da steht "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern", dann geht das vielen schon genau einen Schritt zu weit. Und wenn wir dort weiter lesen: "und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin", löst das bei vielen geradezu Empörung aus: Welcher bestehender Nachteile denn?

Gleichstellungs- bzw. Frauenbeauftragte wissen in aller Regel um bestehende Nachteile, insofern ist davon auszugehen, dass sie durchaus einem „ausdrücklich“ wertorientierten Ansatz der Gleichstellungsarbeit folgen - intuitiv oder auch reflektiert. Dabei ist der Begriff der Reflexion insofern von immenser Bedeutung, als er besagt, dass sich einen wertorientierten Ansatz von Gleichstellungsarbeit durch Reflexion auch aneignen kann!
Im Folgenden soll als ein explizit wertorientierter Ansatz der Gleichstellungsarbeit im Sinne des Grundgesetzes eine „emanzipatorische“ Gleichstellungsarbeit, eine „parteiliche“, klassisch: eine „feministische“ Gleichstellungs, Frauen- und Mädchenarbeit diskutiert werden.

Grundsätze emanzipatorischer, parteilicher oder feministischer Gleichstellungs, Frauen- und Mädchenarbeit
Eine emanzipatorische, parteiliche oder feministische Gleichstellungs, Frauen- und Mädchenarbeit ist ganz bestimmten Grundsätzen verpflichtet, wobei diese Grundsätze nicht nur leitend für die Arbeit von Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragten sind oder besser: sein können, sondern ebenso für die soziale Arbeit mit Frauen und Mädchen „allgemein“. Zurückzuführen sind diese Prinzipien auf erste Überlegungen von Maria Mies über „Methodische Postulate zur Frauenforschung“8, sowie auf Margrit Brückners grundlegende Arbeiten zu diesem Thema9.
Der erste Grundsatz meint eine Zielstellung der Arbeit mit Mädchen und Frauen, die auf Emanzipation gerichtet ist. Emanzipation meint die Freilassung, Befreiung, Verselbständigung aus einem Zustand der Abhängigkeit oder Unterdrückung. Emanzipation kann auf zwei Ebenen erfolgen: auf der individuellen Ebene - eine Person emanzipiert sich z. B. aus der emotionalen oder finanziellen Abhängigkeit eines anderen Menschen - oder auf struktureller Ebene: eine soziale Gruppe überwindet z. B. ihre wirtschaftliche oder rechtliche Abhängigkeit von einer anderen. Demnach verstehe ich unter weiblicher Emanzipation heute, dass einzelne Frauen - oder als "explizite Auffassung des Wünschenswerten": alle Frauen - unabhängig werden von weiblichen Geschlechtsrollenstereotypen, von dem, was traditionell als „typisch weiblich“ gilt. Im Umkehrschluss meint die Emanzipation des Mannes die Befreiung einzelner Männer - bzw. als Wunschvorstellung: aller Männer - aus den Zwängen auch männlicher Geschlechterstereotypen, die Abkehr von traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit. Die Unterscheidung zwischen individueller und struktureller Emanzipation ist insofern zentral, da einzelne Frauen, die es „geschafft haben“, die individuell unabhängig und selbständig ihren eigenen Lebensweg gestalten, keineswegs als „Beweis“ dafür gelten können, dass Frauen heutzutage emanzipiert wären, dass es allen Frauen möglich wäre, ihre Biographie unabhängig und selbständig zu entfalten.
Zweiter Grundsatz: Empowerment10. Empowerment will Betroffene durch professionelle Arbeit ermächtigen, ihr Leben selbst zu bestimmen. Das bedeutet, dass Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragte nicht ausschließlich für die Frauen in Ihrer Kommune bzw. Organisation Dinge erledigen sollen, sondern auch alles dafür tun sollten, dass die Frauen, deren Interessen sie vertreten, die Chance bekommen, die Dinge selbst zu tun. In diesem Sinne müssen Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragte Informationen geben, Informationsbörsen organisieren, die Kinderbetreuungssituation thematisieren, einen Verein o. ä. motivieren, dass er Selbstbehauptungstrainings (statt der immer gleichen Bewerbungstrainings!) anbietet, et cetera. Hauptaufgabe der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten wäre demnach, - wie Aufgabe von Sozialarbeit wünschenswerterweise überhaupt! - Mädchen und Frauen bei der Beschaffung von Ressourcen zu unterstützen, die eine Lebensform in Selbstorganisation möglich machen.
Dritter Grundsatz: Ganzheitlichkeit. Ganzheitlichkeit meint nach Margrit Brückner11 die Berücksichtigung der gesamten Lebenssituation der Frauen und Mädchen und nicht nur Teilaspekte oder Probleme. Ein weiterer wichtiger Aspekt eines ganzheitlichen Blicks auf die Dinge ist darüber hinaus die Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen Privatheit und Öffentlichkeit: Dies bedeutet z. B., dass individuelle Gewalt gegen Frauen ein Teilaspekt der strukturellen Gewalt gegen Frauen ist bzw. ein Teilaspekt der geschlechterdifferenzierenden und geschlechterhierarchischen Ordnung unserer Gesellschaft12. So hat sexuelle Belästigung natürlich etwas zu tun mit der - im wahrsten Sinne des Wortes - unverschämten Werbung für „Erotik-Messen“ überall im Lande. Selbstverständlich hat die Angst von Frauen und Mädchen, abends allein auf die Straße zu gehen, mit der verharmlosenden Darstellung von Vergewaltigungen zu tun, mit reißerischer medialer Berichterstattung oder auch mit den genannten Sexmessen. Und natürlich haben Männer - in diesem Fall sogenannte „Paschas“ - etwas mit der Doppelbelastung vieler Frauen zu tun! All diese „privaten“ Probleme von Frauen sind eben keine privaten Einzelprobleme, sondern Teil eines großen, zusammengehörigen Systems.
Vierter Grundsatz: Parteilichkeit. Parteilichkeit meint, ohne Einschränkung auf Seiten der Frau oder des Mädchens zu stehen und deren Belange an erste Stelle zu setzen. Eine wichtige Ergänzung: Gleichstellungsbeauftragte für Männer bzw. Jungen- oder Männerbeauftragte, die es in einigen wenigen Städten auch tatsächlich gibt, würden dann eben ohne Einschränkung auf Seiten des Mannes oder des Jungen stehen und dessen Belange an erste Stelle setzen.
Fünfter Grundsatz: Betroffenheit. Betroffenheit meint die von allen Frauen geteilte Erfahrung gesellschaftlicher Unterordnung, die Nähe und besonderes Verstehen der Frauen mit sich bringt und die Basis des Kampfes gegen weibliche Benachteiligung darstellt.

Ein ermächtigender (Empowerment) und ein ganzheitlicher Ansatz in der Arbeit mit und für Frauen und Mädchen sind sicherlich die am wenigsten umstrittenen Grundsätze einer emanzipatorischen Gleichstellungsarbeit - und auch gegen Emanzipation werden selten ernsthafte Argumente vorgebracht. Auch ist offensichtlich „Parteilichkeit“ in der Gleichstellungsarbeit, egal ob für Frauen und Mädchen oder für Männer und Jungen als „ethische Basis“13 kein Streitpunkt. Wie die praktische Umsetzung dieser Prinzipien erfolgt, ist eine andere Frage14.
Am schwierigsten scheint der Begriff der Betroffenheit zu fassen zu sein, dem ich mich „auf Umwegen“ nähern möchte, und zwar über den Begriff des „Frauenengagements“15 bzw. der feministischen Überzeugung. Eine feministische Überzeugung ist etwas, was nach Margrit Brückner unabdingbar ist für engagierte Frauen- und Mädchenarbeit. So kommt sie in ihren Untersuchungen zum beruflichen Selbstverständnis von Mitarbeiterinnen in Frauen- oder Mädchenprojekten zusammenfassend zu folgendem Fazit: Arbeit in einem Frauenprojekt ist mehr als ein Beruf und geht einher mit einer feministischen Überzeugung und einem Engagement für Frauen.
Eine feministische Überzeugung meint, von einem ungleichen Machtverhältnis der Geschlechter auszugehen, und zwar von einer sexistischen Struktur. "Sexistisch wären dann jene Verhaltensweisen, die in der Frau in erster Linie das Geschlecht (das für andere da ist) sehen, während das, was Frauen sonst noch sind, tun, sein oder tun können, hinter das bloße Geschlechtsein zurücktritt."16
Aufgrund dieser sexistischen Betrachtungsweise17 werden in unserer Gesellschaft Weiblichkeit, weibliche Werte und Eigenschaften definiert als Personenbezogenheit, emotionale Ausdrucksfähigkeit und Solidarität. Männlichkeit, männliche Werte und Eigenschaften werden dagegen in Verbindung gebracht mit einem Vorrang des Sachbezugs vor dem Personenbezug, als emotionale Kontrolle, Konkurrenzdenken, Leistung- und Erfolgsorientierung. Das sind Werte und Eigenschaften, die sich aufgrund der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung bei Männern und Frauen herausgebildet haben, eine Arbeitsteilung, die dem Mann den Bereich der Öffentlichkeit, der Arbeitswelt zuweist, der Frau den Bereich des Privaten, der Familie. Diese auch heute noch fortbestehende Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen bedingt unterschiedliche Rollenbilder und unterschiedliche Eigenschaften von Frauen und Männern. Dabei ist nicht ausschlaggebend, dass Frauen heutzutage auch erwerbstätig sind, sondern ausschlaggebend ist, dass sie auch erwerbstätig sind, ebenso wie manche Männer sich heute auch um ihre Kinder kümmern - beide Male ist die zweite Seite etwas, was „zum Normalen“ dazukommt.
Wichtig ist mir, dass ein feministischer Blick durchaus nicht die Augen verschließt vor dem Elend, das eine sexistische Gesellschaft auch für Jungen und Männer produziert, indem auch sie in vorgefertigte Zwänge, Muster und Klischees gepresst werden. So könnte man analog zur Beschreibung sexistischer Sichtweisen auf Frauen für sexistische Sichtweisen auf Männer formulieren, dass sexistisch all jene Verhaltensweisen wären, die in Männern in erster Linie das Geschlecht sehen, das aus starken, emotionslosen Jägern und Kriegern besteht bzw. moderner: aus rund um die Uhr außerhäusig erwerbstätigen Ernährern der Familie, während alles andere, was Männer sonst noch sind oder tun, sein oder tun könnten, dem gegenüber zurücktritt. Unter diesen Klischeevorstellungen leiden auch Jungen und Männer, und darum kümmern sich zunehmend auch Jungen- und Männerbeauftragte bzw. Gender Mainstreamingbeauftragte.

Zurück zur Betroffenheit: Auch wenn sich viele Frauen - von Männern ganz zu schweigen - einmal mit mehr, einmal mit weniger Vehemenz dagegen wehren: von diesen sexistischen Vorstellungen in unserer Gesellschaft sind alle Frauen und Männer betroffen - und sie sind auch alle mehr oder weniger engagiert an der Aufrechterhaltung dieser Verhältnisse beteiligt! Und alle Männer und Frauen sind auch von den aus diesen Verhältnissen entstehenden Über- und Unterordnungsverhältnissen betroffen, wobei sich Frauen immer noch häufiger in den Unterordnungsverhältnissen wiederfinden als Männer, obwohl mittlerweile auch deren Benachteiligungen ins öffentliche Bewusstsein dringen.
Betroffenheit meint also die von allen Frauen geteilte Erfahrung gesellschaftlicher Unterordnung. Diese Unterordnung wird zwar von vielen, gerade jungen Frauen sehr häufig geleugnet - wer definiert sich schon gerne als untergeordnet?! - doch ändert dies nichts an der vorhandenen Tatsache. "Welche Differenzen sich jedoch zwischen Frauen auftun können, wo die einen aus unmittelbarer Gewalterfahrung als persönlich erlittenem Schicksal urteilen und handeln, und die anderen sich aufgrund politischer Positionen und Einschätzungen von männlicher Gewalt als Frau strukturell bedroht sehen, darf nicht unterschätzt werden."18 Das bedeutet - und nun erlaube ich mir eine sehr persönliche Erläuterung - dass auch ich von männlicher Gewalt in unserer Gesellschaft bedroht bin, obwohl ich noch nie von einem Mann verprügelt worden bin. Auch ich habe Angst, nachts allein auf die Straße zu gehen, obwohl mir bis jetzt nicht: noch nichts passiert ist, aber zumindest noch nichts, womit ich bis jetzt, Dank Wen Do-Kursen und Selbstbehauptungstrainings, nicht fertig geworden bin. Ich bin betroffen als Frau in dieser Gesellschaft von dem, was Frauen in dieser Gesellschaft zugemutet wird, obwohl ich weder arbeitslos bin, noch alleinerziehend, noch von Sozialhilfe leben muss, keine sexuelle Gewalt erfahren habe et cetera. Ich könnte dafür andere Erfahrungen berichten.

Dieser hier vorgestellte emanzipatorische, parteiliche oder feministische Ansatz der Gleichstellungs, Frauen- und Mädchenarbeit enthält nun ein geradezu explosives Potential an Werten. Diese Werte können einerseits eine unendliche Ressource, eine unendliche Kraftquelle für das eigene Handeln bedeuten, andererseits eine unendliche Ressource für Spannungen. Spannungsgeladen ist dieser Ansatz immer dann - und dies ist oft der Fall - wenn diese Sichtweisen, diese Werte von dem jeweiligen Gegenüber (vom Bürgermeister über den Träger bis zur Geschäftsführung, zum Vereinsvorstand oder auch zur Kollegin) nicht nur nicht geteilt, sondern strikt abgelehnt werden. Dass Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiter, die sich an einem solchen Ansatz orientieren, in ihrer Arbeit so oft auf eine solche, teilweise auch erschreckende Vehemenz (meistens in der Ablehnung!) stoßen, liegt daran, dass das, was sie tun, dass das, wozu sie entweder beauftragt sind oder zu dem sie sich bekennen, nämlich zu einem Wert, den unser Grundgesetz festgeschrieben und gleich dazu in eine Norm übergeführt hat, dass das nicht nur immer Ausdruck einer persönlichen Wertvorstellung ist, sondern immer auch Wertfragen bei anderen berührt, und zwar immer! Denn jeder Mensch ist entweder männlich oder weiblich bzw. fühlt sich entweder als Mann oder als Frau und ist insofern vom Thema Geschlecht bzw. Geschlechterverhältnisse immer in irgendeiner Art und Weise auch berührt. Und ein weiteres Problem: Anders als beim Thema Menschenwürde oder auch Freiheit der Person gibt es offensichtlich hinsichtlich des gesellschaftlich gewünschten, da im Grundgesetz festgeschriebenen Wertes der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, von Jungen und Mädchen (noch) keinen gesellschaftlichen Konsens.
Um beim Wünschen zu bleiben: Es ist zu wünschen, dass noch sehr viel mehr Männer und Frauen - auch innerhalb der sozialen Arbeit - die Auffassung des Wünschenswerten engagierter Frauen- und Mädchenarbeiterinnen und Jungen- und Männerarbeiter teilen, in diesem Fall die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, inklusive aller expliziten Normen.



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1 Vgl. Ulrike Gräßel: Geschlechterorientierung in Praxis und Forschung der Sozialen Arbeit. Ein Pädoyer, in: Wolfgang Preis (Hg.): Soziale Arbeit als Gemeinschaftsaufgabe. Festschrift für Hermann Heitkamp, Berlin 2001, 133 - 150, 133

2 Stellungnahme der Teilnehmerinnen der Arbeitsgruppe autonomer Frauenhäuser (AGAF) beim Treffen in Kaufingen vom 03. - 05.05.2000 zum Aktionsplan der Bundesregierung zur Bekämpfung häuslicher Gewalt; www.ziffrauen.de/agap/stellungnahme

3 Margrit Brückner: Wege aus der Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Frankfurt a. M., 2. Aufl. 2002, 145

4 Susanne SchunterKleemann: Mainstreaming - die Geschlechterfrage und die Reform der europäischen Strukturpolitik, in: Zeitschrift für Frauenforschung 3 (1998), 22 - 33, 26

5 Monika Weber: Mädchenarbeit im Wandel, in: SOSDialog, 2002, 59 - 63, 63

6 A. a. O., 62

7 KarlHeinz Hillmann: Wertwandel, Würzburg 2003, 48

8 Maria Mies: Methodische Postulate zur Frauenforschung - dargestellt am Beispiel Gewalt gegen Frauen, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 1 (1978), 41- 63

9 Margrit Brückner: Frauen- und Mädchenprojekte, Opladen 1996; Margrit Brückner, 2002, a. a. O.; zusammenfassend Beate Kortendiek, Angelika Cottmann: Frauen in der Sozialen Arbeit - zwischen Profession, Ehrenamt und Selbsthilfe, in: Angelika Cottmann, Beate Kortendiek, Ulrike Schildmann (Hg.): Das undisziplinierte Geschlecht. Frauen- und Geschlechterforschung, Einblick und Ausblick, Opladen 2000, 127 - 149, 134 f f

10 Beate Kortendiek, Angelika Cottmann, a. a. O., 137

11 2002, a. a. O., 153

12 Vgl. Ulrike Gräßel: Ein „richtiger“ Mann - eine „richtige“ Frau. Die Konstruktion von Geschlechteridentitäten in häuslichen Gewaltbeziehungen, in: Karl Lenz (Hg.): Frauen und Männer. Zur Geschlechtstypik persönlicher Beziehungen, Weinheim und München, 2003, 161 - 180

13 Brückner 2002, a. a. O., 152

14 Vgl. kritisch dazu Brückner 2002, a. a. O., 152 f f

15 Brückner 1996, a. a. O., 91

16 Ilona Ostner: Patriarchat, in: Bernhard Schäfers (Hg.), Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, 228 - 230, 230

17 vgl. im Folgenden Ulrike Gräßel 2001, a. a. O., 136

18 Brückner 2002, a. a. O., 155

Letzte Änderung:30. September 2015

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