Gleichstellungs- und Frauenarbeit

Ein innovativer Ansatz in der kommunalen Gleichstellungs- und Frauenarbeit: Gleichstellungsarbeit auf der Grundlage von Wertorientierungen

In: Landesarbeitgemeinschaft der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten Sachsens, Gleichstellungsarbeit in Sachsen, Fachtagungen 2006

Lobbyarbeit mit und für Mädchen und Frauen, Frauen- bzw. Gleichstellungsarbeit wurde in den 1970er Jahren durch die Frauenbewegung „entdeckt“. Seit dieser Zeit ist eine geschlechterorientierte Politik in der Kommune immer wieder in der Diskussion - positiv formuliert! Negativ formuliert ist eine geschlechterorientierte Kommunalpolitik - und zwar anfänglich eine nahezu ausschließlich mädchen- und frauenorientierte Kommunalpolitik - unter einem ständigen Legitimationsdruck. Und dies, obwohl eine differenzierte Zielgruppenorientierung in der kommunalen Politik ansonsten eine niemals in Frage gestellte professionelle Selbstverständlichkeit ist. Immer wieder werden Argumente gegen eine explizite Mädchen- und Frauenpolitik vorgebracht, die in der Regel in dem Vorwurf der Diskriminierung von Jungen und Männern gipfeln. Dieser Vorwurf der Diskriminierung des „anderen“ Geschlechts - in dieser Variante dann von Mädchen und Frauen - wird mittlerweile auch gerne gegenüber den immer noch eher nur vereinzelt vorhandenen Jungen- und Männerpolitiken erhoben.
Das neueste Gegenargument gegen Mädchen- und Frauenpolitik (und mittlerweile auch gegen Jungen- und Männerpolitik) ist das Konzept des Gender Mainstreaming, allerdings ein falsch verstandenes Gender Mainstreaming, wobei ich auf diesen Ansatz noch Bezug nehmen werde.

Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte sind mittlerweile in ihrer Existenz bedroht: Ihre Stellen werden gekürzt, zusammengelegt, gestrichen bzw. steht ihnen das bevor. Proteste werden zwar laut - doch ein Aufschrei geht nicht durch die Lande: es schreien weder „die Verwaltung“ - bzw. einzelne Vertreterinnen oder Vertreter der Verwaltung - es schreien werden die Politik - bzw. einzelne Politikerinnen oder Politiker - noch „die Kommune“ - bzw. einzelne Bürgerinnen oder Bürger!
Woran das liegt? Ich behaupte, dass den Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten die VerwaltungsvertreterInnen verloren gegangen sind, die PolitikerInnen und auch die Bürger, vor allem die Bürgerinnen der Kommunen - eventuell haben sie v.a. Frauen und Männer in der Verwaltung ja auch niemals so richtig erreicht. Zu einer allgemeinen Politikverdrossenheit ist eine Gleichstellungspolitikverdrossenheit hinzugekommen!
Etwas Neues, etwas wirklich Innovatives ist für mich, diese Verdrossenheit zu überwinden, diese Männer und Frauen zurückzugewinnen für die Idee der Gleichstellungspolitik, der Geschlechterdemokratie, der Geschlechtergerechtigkeit - oder vielleicht auch überhaupt erst einmal zu gewinnen! Dies ist möglich mit einer (Rück)Besinnung auf diejenigen Werte, die Gleichstellungsarbeit ausgemacht hat, ausmacht bzw. ausmachen kann!

Um Gleichstellungsarbeit auf der Grundlage von Wertorientierungen beleuchten zu können, muss eingangs die Frage geklärt werden, was „Werte“ sind: Ein Wert ist nach Kluckhohn „eine ausdrückliche oder stillschweigend inbegriffene Auffassung des Wünschenswerten, eigentümlich einem Individuum oder charakteristisch für eine Gruppe, die die Auswahl unter verfügbaren Handlungsweisen, -mitteln und -zielen beeinflusst“1. Werte sind also Vorstellungen, die von einzelnen Menschen, von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, aber auch in einer Gesellschaft allgemein als wünschenswert anerkannt sind und den Menschen Orientierung geben. Ein Wert kann dabei eine explizite oder implizite Auffassung des Wünschenswerten sein. Explizit, ausdrücklich, heißt: Ich trage meine Auffassung des Wünschenswerten durch Worte und/oder Taten nach außen. Die implizite Auffassung des Wünschenswerten würde bedeuten: ich denke oder handle im Stillen, eventuell auch unbewusst nach dem, was ich mir wünsche. Unbedingt zu Werten dazu gehören Normen. Und Normen sind Imperative, also in Handlungsanweisungen übersetzte Werte.
Eine zentrale Orientierung darüber, welche Werte und Normen in unserer Gesellschaft als wünschenswert anerkannt sind, findet sich in unserem Grundgesetz. An erster Stelle steht die Menschenwürde, die Freiheit und - ein Wert, der im Zusammenhang mit Gleichstellungsarbeit natürlich von zentraler Bedeutung ist - die Gleichheit vor dem Gesetz, in Bezug auf Männer und Frauen in Artikel 3 des Grundgesetzes die "Gleichberechtigung". Im selben Artikel des Grundgesetzes ist auch gleich die dazugehörige Norm formuliert: Niemand darf wegen seines Geschlechts benachteiligt werden (Art. 3, Abs 3 GG). Und: Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin (Art.3, Abs 2 GG).
Was nun bei der folgenden Wertediskussion immer im Auge behalten werden sollte, ist, dass der Staat sich bei der Umsetzung dieses Wertes Gleichstellungs- bzw. Frauenbeauftragter bedient: Der Wert Gleichberechtigung ist in unserem Grundgesetz festgeschrieben, aufgrund dessen in den Landesverfassungen, aufgrund dessen wiederum in den Landkreis- und Gemeindeordnungen, und wiederum und letztendlich aufgrund dessen in den jeweiligen Satzungen der Kommunen, auf deren Grundlage Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragte bestellt werden, um diesen Wert umzusetzen. Noch einmal: Zur Umsetzung des Wertes bzw. der Werte Gleichheit, Gerechtigkeit oder Gleichberechtigung bedient sich unser Staat der Person der Gleichstellungsbeauftragten. Gleichstellungs- bzw. Frauenbeauftragte sind aufgrund dieses Wertes und der dazu gehörigen Norm, die beide im Grundgesetz festgeschrieben sind, bestellt.

Es ist davon auszugehen, dass die meisten Männer und Frauen einverstanden sind zum einen mit der Wertbestimmung "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", zum anderen mit der davon abgeleiteten Norm, dass niemand aufgrund seines Geschlechtes benachteiligt werden darf. Sehr viel „differenzierter“ wird der Inhalt dieses Grundgesetzartikels erfahrungsgemäß allerdings immer dann beurteilt, wenn es darum geht, ob dieser Wert und diese Norm so weit verinnerlicht ist, dass es über ein lapidares Einverständnis - unverbindlich und kostenlos! - hinaus um eine „ausdrückliche“ Auffassung dieses wünschenswerten Anspruchs geht, wie sie im Grundgesetz niedergelegt ist: Wenn da steht "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern", dann geht das vielen schon genau einen Schritt zu weit. Und wenn wir dort weiter lesen: "und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin", löst das bei vielen geradezu Empörung aus: Welcher bestehender Nachteile denn?
Gleichstellungs- bzw. Frauenbeauftragte wissen in aller Regel um bestehende Nachteile, insofern ist davon auszugehen, dass sie durchaus einem „ausdrücklich“ wertorientierten Ansatz der Gleichstellungsarbeit folgen - intuitiv oder auch reflektiert. Dabei ist der Begriff der Reflexion insofern von immenser Bedeutung, als er besagt, dass man sich einen wertorientierten Ansatz von Gleichstellungsarbeit durch Reflexion auch aneignen kann! Wie wichtig das ist, wissen Sie, wenn Sie mit Gleichstellungs- oder Frauenbeauftragten zu tun haben, die nicht aufgrund persönlichen Interesses sondern aus anderen Gründen in dieses Amt gekommen sind: Manche dieser Frauen - häufig ehrenamtliche (aber selbstverständlich nicht alle!) - fühlen bzw. fühlten (!) sich nicht im geringsten benachteiligt, sehen bzw. sahen auch keinerlei Benachteiligung anderer Frauen aufgrund deren Geschlecht, und bei der Vereinbarkeit von Beruf und privater Lebensplanung wollen bzw. wollten diese manchen auch niemanden helfen, denn sie hätten es ja schließlich auch geschafft und zwar ohne Probleme und außerdem sei das eine gute Schulung für das weitere Leben!
Aber: noch einmal: Man kann sich einen wertorientierten Ansatz von Gleichstellungsarbeit durch Reflexion auch aneignen!

Im Folgenden soll als ein explizit wertorientierter Ansatz der Gleichstellungsarbeit im Sinne des Grundgesetzes, eine „emanzipatorische“ Gleichstellungspolitik, eine „parteiliche“, klassisch: eine „feministische“ Gleichstellungs- und Frauenarbeit bzw. Gleichstellungs- und Frauenpolitik diskutiert werden.
Eine emanzipatorische, parteiliche oder feministische Gleichstellungs- und Frauenpolitik ist ganz bestimmten Grundsätzen verpflichtet2, und zwar den Grundsätzen der Emanzipation, des Empowerment, der Ganzheitlichkeit, der Parteilichkeit und der Betroffenheit.
Der erste Grundsatz meint eine Zielstellung der Politik mit und für Mädchen und Frauen, die auf Emanzipation gerichtet ist. Emanzipation meint die Freilassung, Befreiung, Verselbständigung aus einem Zustand der Abhängigkeit oder Unterdrückung. Emanzipation kann auf zwei Ebenen erfolgen: auf der individuellen Ebene - eine Person emanzipiert sich z. B. aus der emotionalen oder finanziellen Abhängigkeit eines anderen Menschen - oder auf struktureller Ebene: eine soziale Gruppe überwindet z. B. ihre wirtschaftliche oder rechtliche Abhängigkeit von einer anderen. Demnach verstehe ich unter weiblicher Emanzipation heute, dass einzelne Frauen - oder als „explizite Auffassung des Wünschenswerten": alle Frauen - unabhängig werden von weiblichen Geschlechtsrollenstereotypen, von dem, was traditionell als „typisch weiblich“ gilt. Im Umkehrschluss meint die Emanzipation des Mannes die Befreiung einzelner Männer - bzw. als Wunschvorstellung: aller Männer - aus den Zwängen auch männlicher Geschlechterstereotypen, die Abkehr von traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit. Die Unterscheidung zwischen individueller und struktureller Emanzipation ist insofern zentral, da einzelne Frauen, die „es geschafft haben“, die individuell unabhängig und selbständig ihren eigenen Lebensweg gestalten, keineswegs als „Beweis“ dafür gelten können, dass Frauen heutzutage emanzipiert wären, dass es allen Frauen möglich wäre, ihre Biographie unabhängig und selbständig zu entfalten.

Zweiter Grundsatz: Empowerment3. Empowerment will Betroffene durch professionelle Arbeit ermächtigen, ihr Leben selbst zu bestimmen. Das bedeutet, dass Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragte nicht ausschließlich für die Frauen in Ihrer Kommune bzw. Organisation Dinge erledigen sollen, sondern auch alles dafür tun sollten, dass die Frauen, deren Interessen sie vertreten, die Chance bekommen, die Dinge selbst zu tun. Welche Dinge?! Die Dinge, die Frauen wollen!
Ich komme zurück zum Gender Mainstreaming: Die Koordinierungsstelle für Gender Mainstreaming im Europäischen Sozialfonds hat ein simples Vier-Schritte-Schema für die Umsetzung von Gender Mainstreaming aufgestellt: Analyse, Zielbestimmung, Umsetzung, Evaluation. Sie kennen ebenfalls die 3-R-Methode (Repräsentation, Ressourcen, Realisierung) und andere. Ausgangspunkt jeder Methode ist aber immer die Analyse, die Wahrnehmung und Beschreibung von geschlechtsspezifischen Differenzierungen, und zwar nicht immer nur aufgrund von Daten und Statistiken! Trauen Sie sich die Frauen zu fragen! Regen Sie sie an zur Partizipation! Ich meine NICHT Vertreterinnen von Frauen, die in irgendwelchen Gremien sitzen! Ich meine NICHT die Netzwerkarbeit, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte seit Jahren durchaus hervorragend leisten! Ich meine BETROFFENE Frauen vor Ort, die (noch) keine Lobby gefunden haben! Vertreten werden durch Vertretungen, deren Legitimation lange schon niemandem mehr bewußt ist! Das scheint ein Grund für die Politikverdrossenheit zu sein, die immer wieder beklagt wird! Ich befürchte, dieses System hat auch die Gleichstellungspolitik erreicht.
Doch gibt es selbstverständlich Beteiligungsprojekte - und zwar sehr gute! Doch sind die deshalb so gut, weil Betroffene an dem Projekt auch tatsächlich beteiligt wurden! Und das ist zeitaufwändig und unbequem, aber ungeheuer innovativ - und konfrontiert Betroffene persönlich mit den Werten, die eine emanzipatorische Gleichstellungsarbeit berührt. Das Innovative in diesem Zusammenhang wäre ein Schritt von der Stellvertreterin zur Partizipationsmanagerin! Ohne selbstverständlich die Stellvertreterinnenfunktion, die Anwältinnenfunktion, die formalpolitische Funktion zu vernachlässigen.
Hier die Frage: Ist das eventuell ein Schritt zurück? Allerdings nicht im negativen Sinne eines Rückschritts sondern eines „back to the roots“, einer Rückbesinnung: War das in den Anfängen der Gleichstellungsstellen-Zeiten nicht einmal so? Dass wir gemeinsam mit den betroffenen Frauen Veränderungen erkämpft haben, wir halt nur in einer etwas exponierteren und halt auch bezahlten Stellung…. ?

Dritter Grundsatz: Ganzheitlichkeit. Ganzheitlichkeit meint nach Margrit Brückner4 die Berücksichtigung der gesamten Lebenssituation der Frauen und Mädchen und nicht nur Teilaspekte oder Probleme. Ein weiterer wichtiger Aspekt eines ganzheitlichen Blicks auf die Dinge ist darüber hinaus die Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen Privatheit und Öffentlichkeit: Dies bedeutet z. B., dass individuelle Gewalt gegen Frauen ein Teilaspekt der strukturellen Gewalt gegen Frauen ist bzw. ein Teilaspekt der geschlechterdifferenzierenden und geschlechterhierarchischen Ordnung unserer Gesellschaft5.

Vierter Grundsatz: Parteilichkeit. Parteilichkeit meint, ohne Einschränkung auf Seiten der Frau oder des Mädchens zu stehen und deren Belange an erste Stelle zu setzen. Eine wichtige Ergänzung: Gleichstellungsbeauftragte für Männer bzw. Jungen- oder Männerbeauftragte, die es in einigen wenigen Städten auch tatsächlich gibt, würden dann eben ohne Einschränkung auf Seiten des Mannes oder des Jungen stehen und dessen Belange an erste Stelle setzen.

Fünfter Grundsatz: Betroffenheit. Betroffenheit meint die von allen Frauen geteilte Erfahrung gesellschaftlicher Unterordnung, die Nähe und besonderes Verstehen der Frauen mit sich bringt und die Basis des Kampfes gegen weibliche Benachteiligung darstellt.
Und dieser Begriff scheint der umstrittenste zu sein, wenn es um eine wertorientierte Gleichstellungspolitik geht!
Als Frau zu erkennen, von Benachteiligungen betroffen zu sein, bedeutet, von einem ungleichen Machtverhältnis der Geschlechter auszugehen, und zwar von einer sexistischen Struktur. "Sexistisch wären dann jene Verhaltensweisen, die in der Frau in erster Linie das Geschlecht (das für andere da ist) sehen, während das, was Frauen sonst noch sind, tun, sein oder tun können, hinter das bloße Geschlechtsein zurücktritt."6
Aufgrund dieser sexistischen Betrachtungsweise werden in unserer Gesellschaft Weiblichkeit, weibliche Werte und Eigenschaften definiert als Personenbezogenheit, emotionale Ausdrucksfähigkeit und Solidarität. Männlichkeit, männliche Werte und Eigenschaften werden dagegen in Verbindung gebracht mit einem Vorrang des Sachbezugs vor dem Personenbezug, als emotionale Kontrolle, Konkurrenzdenken, Leistung- und Erfolgsorientierung. Das sind Werte und Eigenschaften, die sich aufgrund der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung bei Männern und Frauen herausgebildet haben, eine Arbeitsteilung, die dem Mann den Bereich der Öffentlichkeit, der Arbeitswelt zuweist, der Frau den Bereich des Privaten, der Familie. Diese auch heute noch fortbestehende Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen bedingt unterschiedliche Rollenbilder und unterschiedliche Eigenschaften von Frauen und Männern. Dabei ist nicht ausschlaggebend, dass Frauen heutzutage auch erwerbstätig sind, sondern ausschlaggebend ist, dass sie auch erwerbstätig sind, ebenso wie manche Männer sich heute auch um ihre Kinder kümmern - beide Male ist die zweite Seite etwas, was „zum Normalen“ dazukommt.
Wichtig ist mir, dass ein solcher Blick durchaus nicht die Augen verschließt vor dem Elend, das eine sexistische Gesellschaft auch für Jungen und Männer produziert, indem auch sie in vorgefertigte Zwänge, Muster und Klischees gepresst werden. So könnte man analog zur Beschreibung sexistischer Sichtweisen auf Frauen für sexistische Sichtweisen auf Männer formulieren, dass sexistisch all jene Verhaltensweisen wären, die in Männern in erster Linie das Geschlecht sehen, das aus starken, emotionslosen Jägern und Kriegern besteht bzw. moderner: aus rund um die Uhr außerhäusig erwerbstätigen Ernährern der Familie, während alles andere, was Männer sonst noch sind oder tun, sein oder tun könnten, dem gegenüber zurücktritt. Unter diesen Klischeevorstellungen leiden auch Jungen und Männer, und darum kümmern sich zunehmend auch Jungen- und Männerbeauftragte bzw. Gender Mainstreamingbeauftragte.
Zurück zur Betroffenheit: Auch wenn sich viele Frauen - von Männern ganz zu schweigen - einmal mit mehr, einmal mit weniger Vehemenz dagegen wehren: von diesen sexistischen Vorstellungen in unserer Gesellschaft sind alle Frauen und Männer betroffen - und sie sind auch alle mehr oder weniger engagiert an der Aufrechterhaltung dieser Verhältnisse beteiligt! Und alle Männer und Frauen sind auch von den aus diesen Verhältnissen entstehenden Über- und Unterordnungsverhältnissen betroffen, wobei sich Frauen immer noch häufiger in den Unterordnungsverhältnissen wiederfinden als Männer, obwohl mittlerweile auch deren Benachteiligungen ins öffentliche Bewusstsein dringen.
Betroffenheit meint also die von allen Frauen geteilte Erfahrung gesellschaftlicher Unterordnung. Diese Unterordnung wird zwar von vielen, gerade jungen Frauen sehr häufig geleugnet - wer definiert sich schon gerne als untergeordnet?! - doch ändert dies nichts an der vorhandenen Tatsache. "Welche Differenzen sich jedoch zwischen Frauen auftun können, wo die einen aus unmittelbarer Gewalterfahrung als persönlich erlittenem Schicksal urteilen und handeln, und die anderen sich aufgrund politischer Positionen und Einschätzungen von männlicher Gewalt als Frau strukturell bedroht sehen, darf nicht unterschätzt werden."7 Das bedeutet - und nun erlaube ich mir eine sehr persönliche Erläuterung - dass auch ich von männlicher Gewalt in unserer Gesellschaft bedroht bin, obwohl ich noch nie von einem Mann verprügelt worden bin. Auch ich habe Angst, nachts allein auf die Straße zu gehen, obwohl mir bis jetzt nicht: noch nichts passiert ist, aber zumindest noch nichts, womit ich bis jetzt, Dank Wen Do-Kursen und Selbstbehauptungstrainings, nicht fertig geworden bin. Ich bin betroffen als Frau in dieser Gesellschaft von dem, was Frauen in dieser Gesellschaft zugemutet wird, obwohl ich weder arbeitslos bin, noch alleinerziehend, noch von Sozialhilfe leben muss, keine sexuelle Gewalt erfahren habe et cetera. Ich könnte dafür andere Erfahrungen berichten.

Dieser hier vorgestellte wertorientierte Ansatz der Gleichstellungs- bzw. Frauenpolitik, enthält nun ein geradezu explosives Potential an Werten. Diese Werte können einerseits eine unendliche Ressource, eine unendliche Kraftquelle für das eigene Handeln bedeuten, andererseits eine unendliche Ressource für Spannungen. Spannungsgeladen ist dieser Ansatz immer dann - und dies ist oft der Fall - wenn diese Sichtweisen, diese Werte von dem jeweiligen Gegenüber (vom Bürgermeister über einen Personalrat bis hin zur Kollegin) nicht nur nicht geteilt, sondern strikt abgelehnt werden. Dass Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte, die sich an einem solchen Ansatz orientieren und dies auch nicht verschämt, sondern offensiv, dass diese Kolleginnen in ihrer Arbeit so oft auf eine solche, teilweise auch erschreckende Vehemenz (meistens in der Ablehnung!) stoßen, liegt daran, dass das, was sie tun, dass das, wozu sie entweder beauftragt sind oder zu dem sie sich bekennen, nämlich zu einem Wert, den unser Grundgesetz festgeschrieben und gleich dazu in eine Norm übergeführt hat, dass das nicht nur immer Ausdruck einer persönlichen Wertvorstellung ist, sondern immer auch Wertfragen bei anderen berührt, und zwar immer! Denn jeder Mensch ist entweder männlich oder weiblich bzw. fühlt sich entweder als Mann oder als Frau und ist insofern vom Thema Geschlecht bzw. Geschlechterverhältnisse immer in irgendeiner Art und Weise auch berührt.
Und das ist das, womit Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte zu tun oder besser zu kämpfen haben: Alles was sie denken, was sie sagen und was sie tun, berührt ihr Gegenüber IMMER auch persönlich! Und offensichtlich ist das aus dem Bewusstsein geraten! Offensichtlich sind viele Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Meinung, ihre Gegenüber aus Politik und Verwaltung und auch diejenigen, deren Interessen sie vertreten, wären genauso „weit“ in ihrer Analyse der Geschlechterverhältnisse wie sie, hätten dieselbe Sicht auf diese Gesellschaft und würden daraus auch dieselben Schlüsse ziehen.
Doch an dieser Stelle zeigt sich ein weiteres Problem: Anders als beim Thema Menschenwürde oder auch Freiheit der Person gibt es offensichtlich hinsichtlich des gesellschaftlich gewünschten, da im Grundgesetz festgeschriebenen Wertes der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, von Jungen und Mädchen (noch) keinen gesellschaftlichen Konsens.
Ich bin der Meinung, dass allein schon die reflexive Auseinandersetzung mit diesen unterschiedlichen Blicken auf die Geschlechterverhältnisse, mit den unterschiedlichen Werten und Normen, die daraus abgeleitet werden, helfen kann, Stagnation und auch Rückschlägen in der Gleichstellungspolitik effektiv zu begegnen.
Und was ist mit „der anderen Seite“? Was ist mit den Gegenübern, mit den Akteurinnen und Akteuren der Verwaltung? So kritisch der Ansatz des Gender Mainstreaming auch gesehen werden kann und sollte, als politische Strategie ist er durchaus sehr nützlich: Da niemand allen Ernstes daran glauben kann, es könne plötzlich, quasi über Nacht, zu einer Geschlechtersensibilität der Verwaltungen kommen, was ja notwendig wäre, um geschlechtergerechtes politisches und Verwaltungshandeln zu realisieren, müssen noch mehr als bisher Gendertrainings in der Verwaltung angeboten werden. Es müssen noch mehr Seminare angeboten werden, in denen Geschlechterverhältnisse aufgezeigt, erfahrbar gemacht werden, indem die persönliche, individuelle Betroffenheit jedes einzenen Teilnehmers, jeder einzelnen Teilnehmerin auch thematisiert wird, um so Geschlechterpolitik durch persönliches Erleben zu begründen und dadurch Mitstreiterinnen, Unterstützer und BefürworterInnen zu finden.
Dem müsste aber - jetzt wieder auf „unserer“ Seite - ebenfalls eine Einstellungsänderung zugrunde liegen: Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte müssen sich (wieder?) darauf besinnen, dass das Ziel der Veränderung gesellschaftlicher Strukturen der zweite Schritt vor dem ersten ist: Zuerst muss sich die Einstellung der Frauen und Männer ändern, die in diesen Strukturen leben und arbeiten und diese erhalten und auch verändern (können)!
Vielleicht ist die Strategie, sich wieder mehr mit Frauen (und Männern) und deren Einstellungen, deren Werten und Normen, zu beschäftigen, statt mit Strukturen und deren Mechanismen (ich meine: mehr, nicht ausschließlich!) innovativer als wir im Moment alle denken!


zurück
        

1 Karl-Heinz Hillmann: Wertwandel, Würzburg 2003, 48

2 Maria Mies, Methodische Postulate zur Frauenforschung - dargestellt am Beispiel Gewalt gegen Frauen, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 1, 1078, S. 41- 63; Margrit Brückner, Frauen- und Mädchenprojekte, Opladen 1996; Margrit Brückner, Wege aus der Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Eine Einführung, Opladen 1998, 2. Aufl. 2002

3 Beate Kortendiek, Angelika Cottmann: Frauen in der Sozialen Arbeit - zwischen Profession, Ehrenamt und Selbsthilfe, in: Angelika Cottmann, Beate Kortendiek, Ulrike Schildmann (Hg.): Das undisziplinierte Geschlecht. Frauen- und Geschlechterforschung, Einblick und Ausblick, Opladen 2000, 127 - 149, S. 137

4 2002, a. a. O., 153

5 Vgl. Ulrike Gräßel: Ein „richtiger“ Mann - eine „richtige“ Frau. Die Konstruktion von Geschlechteridentitäten in häuslichen Gewaltbeziehungen, in: Karl Lenz (Hg.): Frauen und Männer. Zur Geschlechtstypik persönlicher Beziehungen, Weinheim und München, 2003, 161 - 180

6 Ilona Ostner: Patriarchat, in: Bernhard Schäfers (Hg.), Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, 228 - 230, 230

7 Brückner 2002, a. a. O., 155

Letzte Änderung:30. September 2015

Kontakt

Postanschrift:
Hochschule Zittau/Görlitz
Postfach 300 648
02811 Görlitz

Besuchsadresse:
Hochschule Zittau/Görlitz
Hermann-Heitkamp-Haus
Zimmer 2.09
Furtstr. 2
02826 Görlitz

Tel.: 03581/ 374 4238
Fax: 03581/ 48 28 191

Mail: u.graessel@hszg.de

Anmelden
Direktlinks & Suche