Geschlechteridentitäten

Ein "richtiger" Mann - eine "richtige" Frau. Die Konstruktion von Geschlechteridentitäten in häuslichen Gewaltbeziehungen

In: Karl Lenz (Hg.), Frauen und Männer. Zur Geschlechtstypik persönlicher Beziehungen, Weinheim und München 2003, S. 161-180

Gewalt im sozialen Nahraum, häusliche Gewalt, sogenannte "private" Gewalt, in diesem Fall Gewalt von Männern gegen Frauen ist ein uraltes Thema. "Entdeckt", öffentlich gemacht und damit enttabuisiert hat dieses Thema Anfang der 1970er Jahre in den USA, etwas später in der Bundesrepublik die Frauenforschung.

Nach Gitta Mühlen Achs ging es der Frauenforschung in den Anfängen primär darum, Frauen überhaupt erst sichtbar zu machen, ihre systematische Verdrängung zu dokumentieren, die "Leerstellen im wissenschaftlichen Geschlechterdiskurs zu besetzen, die der einseitige und androzentrische Blick auf Frauen geschaffen bzw. hinterlassen hatte" (1998: 21). Die Frauenforschung trat zunächst an, die Situation von Frauen in dieser Gesellschaft zu erfassen, frauenrelevante Themen ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und selbstverständlich auch zu skandalisieren - so geschehen mit dem Thema Gewalt gegen Frauen.
Auf dem Weg ihrer Entwicklung hin zur Genderforschung, hat die Frauenforschung aber nicht nur das Thema Gewalt gegen Frauen enttabuisiert, sondern auch andere anfängliche Tabuthemen bzw. "Denkverbote"1, z.B. die Mittäterschaft von Frauen oder auch - im Zusammenhang mit dem Thema Gewalt gegen Frauen - "Weibliche Verstrickungen in Liebesbeziehungen am Beispiel von misshandelten Frauen ", so ein Vortragstitel von Margrit Brückner (1985) im Rahmen der Sektion Frauenforschung auf dem 22. Deutschen - damals noch so genannten - "Soziologentag" 1984 in Dortmund.


1. Zur Klärung der Fragestellung

Ausgangspunkt für ein erneutes Rühren an einem Tabu, und zwar an der Frage, ob Frauen etwas von Gewaltbeziehungen "haben", ob und inwieweit Frauen von Misshandlungsbeziehungen eventuell "profitieren", ist die Tatsache, dass Frauen zum einen häufig sehr viel länger als für viele nachvollziehbar in Gewaltbeziehungen ausharren, zum andern - wiederum für viele nicht nachvollziehbar - nach einem Frauenhausaufenthalt, also nach einer bereits vollzogenen - zumindest kurzen - Trennung zu einem Drittel (Brückner 1998: 21) zum Misshandler zurückkehren, teilweise auch mehrfach, bis sie die Trennung "schaffen" - oder eben auch nicht.
Diese Tatsache hat nicht nur die Frauen- bzw. Geschlechterforschung immer wieder bewegt, sondern vor allem auch die Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern (Brückner, 1996, 1998: 111ff), seit neuerem auch die Mitarbeiter in Männerprojekten bei ihrer Arbeit mit gewalttätigen Männern.

Zur Erklärung dieses Phänomens werden sowohl strukturelle als auch individuelle Begründungen herangezogen: Gesellschaftliche Normen und Werte, gesellschaftlich vorgegebene Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen, die letztlich Ausdruck finden in der geschlechtstypischen Sozialisation von Frauen und Männern, was wiederum "individuelle" Dispositionen misshandelter Frauen hervorruft wie Liebe, Hoffnung, aber auch bloße nackte Angst, den Misshandler zu verlassen, sowie weitere strukturelle - rechtliche und wirtschaftliche - Faktoren, die Frauen häufig vor allem "wegen der Kinder" in einer Gewaltbeziehung verharren lassen.

Im weiteren sollen etwaige wirtschaftliche und rechtliche Barrieren außer Acht gelassen, sondern vielmehr die These diskutiert werden, inwieweit häusliche Gewaltbeziehungen eine perfekte Grundlage für die Konstruktion extrem polarisierter Geschlechteridentitäten in Form von rigiden Vorstellungen von sowohl Weiblichkeit wie auch Männlichkeit bieten, und dies vor allem den weiblichen Opfern sowie ihrem Pendant, den männlichen Tätern, durchaus auch positive Identifikations- und Entschuld(ig)ungsmöglichkeiten bietet.

Gegenstand der folgenden Betrachtungen sind häusliche Gewaltbeziehungen, mehr oder weniger lang andauernde heterosexuelle Zweierbeziehungen (vgl. Lenz 1998: 42ff), in denen Gewalthandlungen von Männern gegenüber Frauen ein wiederkehrendes und die Beziehung sowie die Beziehungspartner prägendes Ereignis sind. Dabei soll unter Gewalt in Anlehnung an Karl Lenz jede ausgeführte oder angedrohte Handlung verstanden werden, die mit der Absicht oder mit der vom Gegenüber so wahrgenommenen Absicht ausgeführt wird, eine andere Person physisch oder psychisch zu verletzen (vgl. Lenz 1998: 133f), einschließlich aller Formen sexueller Gewalt, "bei denen ein männlicher Beziehungspartner gegen den Willen der Frau sexuelle Handlungen an ihr vornimmt, etwa durch das Aufdringen unerwünschter sexueller Kontakte, durch sexuelle Nötigung und Vergewaltigung." (Schröttle 1999: 18)


2. Von der Frauen- zur Genderforschung: Vom Opfer zur (Mit)Täterin

Zur Näherung an eine Antwort auf die Frage, inwieweit häusliche Gewaltbeziehungen durch ihre Konstruktion spezifischer Geschlechteridentitäten sowohl den weiblichen Opfern als auch den männlichen Tätern positive Identifikationsmöglichkeiten bieten, soll zunächst die Entwicklung von der Frauen- zur Genderforschung anhand des Themas Gewalt gegen Frauen skizziert werden, eine Entwicklung, an deren "Höhepunkt" gleichsam das Konzept des Doing gender steht, ein Konzept, das letztlich zur Beantwortung der aufgeworfenen Frage dienen soll.

Die Entwicklung der Frauenforschung auf dem Weg zur Genderforschung soll beschrieben werden anhand des feministischen Gewaltdiskurses, wie ihn Christina Thürmer-Rohr (2000) zusammenfassend beschreibt, zumindest bis zu dem bedeutenden Perspektivenwechsel in der feministischen Theorie Mitte der achtziger, anfangs der neunziger Jahre, in denen die (De)Konstruktion von Geschlecht zum Kristallisationspunkt der Debatte wurde (vgl. Knapp 2000: 63).
Nach Christina Thürmer-Rohr fand in einer ersten Phase der Frauenforschung zunächst die Beschreibung der "an Frauen ausgeübten Gewalt" statt: "Patriarchat galt als absolut übergeordnetes Unrecht, als Grund- und Ur-Unrecht, als weltweite Herrschaftsinstitution, als männliches Gewaltsystem ohne Frauen und gegen Frauen (...). Frauen waren an dieser wahnsinnigen Geschichte nicht verantwortlich beteiligt (...). Die neue Zuordnung zum großen Singular die Frau strukturierte eine neue Unrechtsordnung und schaffte damit auch ein neues Unrechtsbewußtsein. Dieses dokumentierte sich darin, den Gegner, das Geschlecht der Männer, zur Verantwortung zu ziehen (...). Wer Täter und wer Opfer war, war vorab entschieden. Die Entdeckung der Welt als Welt des Mannes war gleichbedeutend mit der Entdeckung des Opfers Frau. Machtferne war identisch mit Schuldferne, Machtlosigkeit identisch mit Schuldlosigkeit." (Thürmer-Rohr 2000: 1f)

In einer zweiten Phase wurden seit Anfang der achtziger Jahre diese ersten polarisierenden Zuordnungen durch die These der Mittäterschaft (Thürmer-Rohr 1989) in Frage gestellt, und es begann die Beschreibung der "von Frauen mitgetragenen Gewalt" (Thürmer-Rohr 2000: 2). Die These der Mittäterschaft besagt, dass Frauen die beklagten Gewaltverhältnisse "auch bedienen und an ihnen mitwirken. Die Handlungen von Frauen sind demnach nicht nur aufgezwungene und ihre Handlungsbegrenzungen nicht nur durch äußere Gewalt verhinderte Handlungen, sondern sie sind auch selbstgewählt, oft selbstgewollt" (ebd.). Christina Thürmer-Rohr spitzt ihre Betrachtungen weiter zu, indem sie schreibt, Frauen wären nicht nur verstrickt in dieses gesellschaftliche System, sondern würden auch eigentätig in dieses System einsteigen, Privilegien gewinnen und durchaus auch Anerkennung dafür ernten.
Brisant wird m.E. diese Entdeckung der Mittäterschaft, die Aufdeckung der Beteiligung von Frauen an bestehenden Geschlechterverhältnissen, wenn sie im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen diskutiert wird. Besonders brisant wird sie dann, wenn man Thürmer-Rohrs Analyse bis zum quasi großen Finale folgt, wenn sie schreibt: Frauen "profitieren von ihren Rollen, sofern sie sie erfüllen." (Thürmer-Rohr 2000: 3) Darauf wird später noch einmal zurückzukommen sein.


Ab Ende der achtziger Jahre erfolgte in einer dritten Phase eine Sichtweise auf Frauen als Täterinnen, Frauen also nicht mehr als Opfer, auch nicht mehr als Mittäterinnen, als Beteiligte und durchaus auch Profitierende an der Aufrechterhaltung des sexistischen Systems, sondern ganz explizit als Täterinnen. In dieser Phase fand nach Thürmer-Rohr (2000: 4) die Beschreibung der "von (weißen) Frauen ausgeübten Gewalt" statt. In den Blick kamen Frauen als Täterinnen im Zusammenhang mit Forschungen über den Nationalsozialismus und Rassismus. Entdeckt haben diese Seite von Frauen neben Thürmer-Rohr ganz wesentlich Lerke Gravenhorst und Carmen Tatschmurat mit ihren "Töchterfragen (an die) NS-Frauengeschichte" (1990), Ilse Lenz mit ihren immer wiederkehrenden Fragen nach den Privilegien weißer Mittelschichtsfrauen gegenüber nahezu allen anderen Frauen und wie weiße Mittelschichtsfrauen auch an einer Aufrechterhaltung dieser Privilegien interessiert sind, oder auch Birgit Rommelspacher mit ihrer hartnäckigen Infragestellung der These, dass Rassismus in erster Linie Männersache sei.

Bereits während dieser Phase kam es, wie bereits angemerkt, zu einem bedeutenden Perspektivenwechsel in der feministischen Theorie:
Das zentrale Konzept der letzten Phase, der Phase des (De)Konstruktivismus ist das des "Doing gender". Der Ansatz des "Doing gender", der "Konstruktion von Geschlecht" geht von einer Trennung zwischen sex und gender aus, der Trennung zwischen dem biologischen, dem körperlichen Geschlecht und der Geschlechtsidentität, dem sozialen bzw. kulturellen Geschlecht.
Zentrale Fragen innerhalb dieser Sex-Gender-Diskussion sind Fragen nach den Methoden der Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit: „Wie werden &Mac226;Frauen' und &Mac226;Männer' gedacht und wahrgenommen, wie präsentieren Individuen sich als weiblich oder männlich, welche Eigenschaften werden ihnen zu- oder abgesprochen, in welchen Prozessen vollzieht sich im Alltagsleben die Blau- bzw. Rosafärbung von Personen, Räumen, Gegenständen, Praxisfeldern?“ (Knapp 2000: 73) Die Leitfrage ist, wie es zu der binären, wechselseitig exklusiven Klassifikation von zwei Geschlechtern kommt und wie die alltägliche Aufrechterhaltung dieser Exklusivität funktioniert. „Eine Folge dieser Konzentration auf konstruktive Praxen ist die Prozessualisierung des Geschlechtsbegriffs. Die Fragestellung lautet nun nicht mehr &Mac226;Wer ist wie', sondern: &Mac226;Wie und in welchen Prozessen nehmen sich Menschen als wer wahr?' Damit wird die Frage nach dem Geschlecht (...) als interaktive und situationsspezifische Konstruktionspraxis betrachtet.“ (Knapp 2000: 74) „Untersuchungsgegenstand sind die alltäglichen Zuschreibungs-, Wahrnehmungs- und Darstellungsroutinen, in denen sich der sinnhafte Aufbau der Wirklichkeit von Geschlechtszugehörigkeit bzw. -identität und Geschlechterbeziehungen vollzieht.“ (Knapp 2000: 75)
Der Ansatz des Doing gender geht also davon aus, dass Geschlecht in realen Situationen geschaffen wird, dass Geschlechteridentitäten, -differenzen bzw. -hierarchien in Interaktionen hergestellt werden. Die Kategorie Geschlecht ist also nichts in erster Linie biologisch Determiniertes. Geschlecht ist kulturell "konstruiert" und - und das ist das Politische, das aus feministischer Perspektive Interessante daran - kann deshalb - so die Annahme - auch wieder dekonstruiert werden. Problematisch an dieser Annahme ist und bleibt allerdings die Ansicht, dass Biologie stärker sei als Kultur (vgl. Lenz 2000). Abzuwarten bleibt, ob sich kulturelle Vorgaben nicht als deutlich widerstandsfähiger gegenüber jeglicher Veränderung erweisen als biologische Gegebenheiten (die z.B. durch chirurgische Eingriffe geändert werden können, Stichwort: Geschlechtsumwandlung).

Nach Gitta Mühlen Achs liegt der bedeutendste theoretische Beitrag der Genderforschung zur Erforschung der Kategorie Geschlecht darin, dass "Geschlecht" nicht mehr als eine Naturgegebenheit, sondern als kulturelles Zeichen und grundlegende gesellschaftliche Strukturkategorie, geschlechtliche Identitäten nicht mehr als feste und stabile Größe, sondern als durchaus variabel betrachtet wurden (vgl. Mühlen Achs 1998: 21f). Die Kategorie "Frau" wird nicht mehr als soziale, geschweige denn biologische Gegebenheit betrachtet, sondern als gesellschaftliche Konstruktion - genauso wie die Kategorie "Mann": "Von Bedeutung ist dabei die Erkenntnis, dass Männlichkeit (genauso wie Weiblichkeit, Anm. U.G.), die ein soziales Konstrukt darstellt, historisch und kulturell variabel sowie mit anderen sozialen Differenzierungsmustern wie Ethnie, Schicht und Alter verschränkt ist." (Döge 2000: 18)


3. Frauen als Täterinnen - Männer als Opfer?

Die Erkenntnis, dass geschlechtliche Identitäten keine stabilen „Wahrheiten“ sind, sondern variable Konstrukte, war ein wichtiger Schritt hin zu einer kritischen Auseinandersetzung mit lange vorherrschenden stereotypen Bildern von Weiblichkeit und Männlichkeit. Auf die weitreichenden Auswirkungen solch stereotyper Bilder verweist Peter Döge, wenn er schreibt, dass solche Vorstellungen „vom Mann als 'Täter' und der Frau als 'Opfer' häufig den Blick in der Geschlechterforschung“ verstellen (Döge 2000: 19).
Die stereotypen Vorstellungen von Geschlechteridentitäten, von Weiblichkeit und Männlichkeit, sahen bzw. sehen teilweise immer noch Frauen nahezu durchwegs als Opfer, Männer durchwegs als Täter - Vorstellungen, die, wie bereits dargelegt, durchaus die erste Phase der Frauenforschung bestimmten. Die Zuweisung des Opferstatus' an Frauen, des Täterstatus' an Männer lag nach Paula Irene Villa (2000) an der damals vorherrschenden Sichtweise auf die gesellschaftliche Organisationsstruktur als "Patriarchat", das alles und alle überdeterminiert, alles beherrscht und alles bestimmt. Diese Sichtweise bedeutete, "Frauen ausschließlich als Opfer ungleicher und herrschaftsdurchtränkter Strukturen zu sehen, ihnen damit den Subjekt-Status zu verweigern und sie schließlich nicht als Adressatinnen sozialen Wandels begreifen zu können." (Villa 2000: 24) Diese Vorstellung war nach Villa zwar nicht lange ein Leitbild innerhalb der Frauenforschung, wohl aber innerhalb der Frauenbewegung. Durch die vor allem anfangs enge Verzahnung von Frauenforschung und Frauenbewegung, durch den "engen Zusammenhang zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse und politischer Praxis (..); ein Spannungsverhältnis, in dem sich feministische Theoriebildung trotz aller Akademisierung und Professionalisierung bis heute bewegt" (Becker-Schmidt/ Knapp 2000: 7), wurde erst viel später danach gefragt, inwieweit Frauen denn in (nicht nur) private Gewaltbeziehungen verstrickt sind, inwieweit sie an deren Aufrechterhaltung beteiligt sind bzw. inwiefern sie eventuell sogar an einer Aufrechterhaltung einer solchen Beziehung interessiert sind. Erst viel später wurde also die Frage nach der Beteiligung, der Mittäterschaft und schließlich der Täterschaft von Frauen gestellt.
Dass diese Fragen relativ spät gestellt wurden, lag an der dadurch zutage tretenden neuen oder auch "dunklen" Seite weiblicher Identität. Denn so positiv die Entdeckung von Frauen als Akteurinnen, als Anteilhabende am "Handeln, Entscheiden, Durchsetzen" auch ist, so weisen Gabriele Frohnhaus, Barbara Grotkamp-Schepers und Renate Philipp, die Macherinnen der Ausstellung "Schwert in Frauenhand. Weibliche Bewaffnung" eben auf die andere Seite dieser Entdeckung hin, und zwar auf das Schuldig-Werden, das "Schuldig-Werden, wenn es um Verletzung oder gar Vernichtung von anderen Menschen geht. Das emanzipatorische Bild der Entscheidung fällenden und Verantwortung tragenden Frau enthält auch diese dunklen Bereiche. Dunkel (...), weil sie das liebgewonnene Bild von der weiblichen Friedfertigkeit (und moralischen Überlegenheit) ins Wanken bringen und uns zwingen, auch andere Seiten des weiblichen Sozialcharakters wahrzunehmen." (1998: 5)

Frauenforschung wagte also einen Blickwechsel, einen Blickwechsel von der Frau als Opfer zur Frau als Mittäterin innerhalb der sexistisch organisierten Gesellschaft zum einen, aber auch innerhalb der in dieser Gesellschaft gelebten Geschlechterbeziehungen, einen Blickwechsel zur Frau als Akteurin innerhalb einer persönlichen Beziehung, die - neben anderen Faktoren - eben auch von gender geprägt ist.
Durch die oben skizzierte enge Verbindung zwischen Frauen- bzw. Genderforschung und politischer Praxis war es im Themenbereich häuslicher Gewalt noch schwieriger, Frauen nach ihrer Wahrnehmung als Opfer und/oder Mittäterinnen auch als Täterinnen gegenüber ihren Partnern in den Blick zu nehmen.
Hat sich in US-amerikanischen Forschungen dieser Tabubruch bereits seit längerem vollzogen - auf die Untersuchungsergebnisse von Murray A. Straus, Richard J. Gelles und Suzanne Steinmetz (1978, 1980) wurde ja bereits hingewiesen - werden Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer häuslicher Gewalt in der Bundesrepublik erst seit kurzem wahrgenommen. Eine erregte Debatte darüber, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt werden, kam hier in Gang im Zuge der öffentlichen Diskussion über das Anfang des Jahres 2002 in Kraft getretene "Gesetz zur Verbesserung des zivilrechtlichen Schutzes bei Gewalttaten und Nachstellungen sowie zur Erleichterung der Überlassung der Ehewohnung bei Trennung", das sogenannte Gewaltschutzgesetz, das sich in erster Linie - obwohl geschlechtsneutral formuliert - an Frauen als Opfer häuslicher Gewalt richtet und politisch auch so präsentiert wurde. Vor allem von Männern wurde kritisiert, dass die Ergebnisse entsprechender Studien in dieser Diskussion unberücksichtigt geblieben sind.
Zwar gibt es kaum spezielle Untersuchungen über Gewalt gegen Männer, doch zeigen die Ergebnisse dieser wenigen empirischen Untersuchungen sowie von Studien über Gewalt in der Familie oder in der Partnerschaft, „dass Gewalt gegen Männer existiert. In Befragungen wird deutlich, dass die Raten gewalttätiger Frauen und Männer maximal ein Drittel voneinander abweichen. Einige Untersuchungen konnten dabei eine höhere Rate von Gewalt gegen Männer, andere wiederum eine höhere Rate von Gewalt gegen Frauen nachweisen.“ (Cizek et al. 2002: 30)
Dass Gewalt gegen Männer in Zweierbeziehungen auch in der Wissenschaft immer noch nahezu kein Thema ist, scheint daran zu liegen, dass Männer also Opfer ihrer Partnerinnen auch gesellschaftlich ein großes Tabu sind. Das große Tabu in diesem Zusammenhang scheint dabei nicht so sehr die Funktion von Frauen als Täterinnen zu sein, sondern vielmehr die Wahrnehmung von Männern als Opfer, da diese Rolle mit dem herkömmlichen Bild von Männlichkeit, und zwar sowohl mit dem Fremdbild wie auch dem Selbstbild (vgl. 5.1.), absolut unvereinbar ist.
Trotzdem empirische Untersuchungen über Männer als Opfer in häuslichen Gewaltbeziehungen also dringend erforderlich sind, muss unbedingt darauf hingewiesen werden, dass Gewalt gegen Frauen gesellschaftlich ein größeres Problem ist als Gewalt gegen Männer. Gewalt gegen Frauen ist deswegen das größere gesellschaftliche Problem, da Frauen in Misshandlungsbeziehungen schwerer verletzt werden, die aus Misshandlungen an ihnen resultierenden Konsequenzen gravierender sind und es immer noch vielen Frauen aufgrund mangelnder ökonomischer Ressourcen schwerer fällt, gewalttätige Beziehungen zu verlassen (vgl. Cizek et al. 2002: 30f)


4. „Harmonische Ungleichheit“ als Figurationsideal von Gewaltbeziehungen

Zur Erläuterung, wie in häuslichen Gewaltbeziehungen extrem polarisierte Geschlechteridentitäten in Form von rigiden Weiblichkeits- und Männlichkeitsvorstellungen konstruiert werden und inwiefern diese vor allem den weiblichen Opfern durchaus auch positive Identifikationsmöglichkeiten bieten, soll das „Figurationsideal harmonischer Ungleichheit“ dienen. Bram van Stolk und Cas Wouters (1987) übertrugen dieses ursprünglich von Norbert Elias entwickelte Modell zur Beschreibung der Beziehungen zwischen alteingesessenen „höherstehenden“, „etablierten“ und neuzugezogenen „tieferstehenden“, Außenseiter bleibenden BewohnerInnen eines englischen Arbeiterviertels auf die Beschreibung konfliktreicher - nicht ausschließlich aber häufig auch gewalttätiger - Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die zeitweilig in einem Kriseninterventionszentrum für Mütter und Kinder Zuflucht suchten. In diesem Zentrum führten Bram van Stolk und Cas Wouters zwischen 1979 und 1980 eine empirische Untersuchung durch, deren wichtigste Grundlage Interviews waren mit 40 im Krisenzentrum zeitweilig lebenden Frauen und 20 Männern, die ihnen als Partner von interviewten Frauen genannt wurden.
Das Figurationsmodell kann zur Erläuterung der Soziogenese von Gefühlen der Mehr- oder Minderwertigkeit, der Über- bzw. Unterordnung dienen. Elias arbeitete sein Modell anhand einer Analyse des Machtverhältnisses aus, das zwischen der Gruppe der BewohnerInnen des älteren Zentrum eines Wohnviertels und eines Neubaugebietes entstanden war. Elias zeigte, wie es den Alteingesessenen gelungen war, die Neuzugezogenen auszuschließen und als minderwertig zu stigmatisieren. Dieses ungleiche Machtverhältnis schlug sich jeweils in der Identität der Angehörigen der beiden Gruppen nieder. Die Alteingesessenen schlossen sich zusammen und entwickelten eine gewisse Verachtung gegenüber den Neuen. „Sie empfanden sich als ihnen überlegen und leiteten daraus ein befriedigendes Selbstwertgefühl ab. Die Neuankömmlinge, die Außenseiter, konnten sich dem Figurationsdruck nicht entziehen und begannen selbst, sich und ihre Wohngegend mit gemischten Gefühlen zu betrachten; mit der Zeit zählten sie sich zu einer etwas minderwertigen Gruppe von Menschen. Als solche litten sie unter einem beschädigten Wir-Bild, das ein Bestandteil ihrer persönlichen Identität war“. (van Stolk/Wouters 1987: 142) Insofern dient das Modell der Darstellung des Zusammenhang zwischen Machtverhältnissen, sozialem Wert (Achtung durch andere) und Selbstwertgefühlen (Selbstachtung). Wichtig in diesem Zusammenhang ist der Beziehungsaspekt, die Interdependenz von Wertschätzung von außen und Selbstwertgefühl, was van Stolk/Wouters als „Ich- und Du-Ideal für feste Beziehungen“ (1987: 144f) bezeichnen.

Wie sieht nun das Figurationsideal harmonischer Ungleichheit und das Ich- und Du-Ideal aus, das nach wie vor vorherrschend in konfliktreichen bzw. Misshandlungsbeziehungen zu sein scheint? Bram van Stolk und Cas Wouters beschreiben dieses Figurationsideal als von den misshandelten Frauen normal empfundene Untergebenheit unter den sie misshandelnden Mann, verbunden mit einer „Schönfärberei“ seiner Person (vgl. van Stolk/Wouters 1987: 136f), ein Figurationsideal, das bis heute fortbesteht (1987: 163). Auch die Männer folgten durchgehend diesem „traditionellen Erwartungsmuster in bezug auf die Ehe (...). Sie empfanden es als eine Selbstverständlichkeit, als eine schlichte Gegebenheit, zu der keine Alternative bestand. Wie es einer von ihnen formulierte: 'Irgendwie muss der Mann immer noch das Sagen haben, und irgendwie wollen's die Frauen auch nicht anders.'“ (1987: 223)

Weist dieses Muster zunächst auf eine Figurationsmodell eindeutiger Ungleichheit, wird es harmonisch durch das mit diesem Ungleichheits-Modell verbundene Ich- und Du-Ideal, das diesem Beziehungsmuster zugrunde liegt. Zunächst ist festzuhalten, dass das Ich- und das Du-Ideal von Männern wie Frauen interdependent sind, dass sie einander jeweils voraussetzen: so kann der Mann kein Führer und Beschützer sein, wenn die Frau sich nicht führen und beschützen lässt, nicht „folgsam ist“ und ihn nicht versorgt, und umgekehrt. Beide Ideale ergänzen sich gegenseitig (vgl. van Stolk/Wouters 1987: 147f). Dabei ermöglicht „ein Ich-Ideal weiblicher Untergebenheit in der Ehe (..) diesen Frauen den Erwerb von Achtung und Selbstachtung, während ein Du-Ideal des übergeordneten Mannes Ansprüche an Männer stellte, mit denen diese ihre Vorrangsposition legitimieren konnten.“ (1987: 149)
Insofern waren die meisten interviewten Männer auch der Meinung, in der Beziehung ihren Teil getan zu haben: für das Einkommen zu sorgen, oder durch Sonderanschaffungen, den Ausbau der Wohnung oder einen sonntäglichen Auto-Ausflug einen ihnen angemessen scheinenden Beitrag zum Familienleben geleistet zu haben (vgl. 1987: 223). Umso größer der Schock, als dieses als harmonisch empfundenes Ungleichgewicht umkippte, indem die Frauen die Männer verließen: Ihre Frau „hatte dem Geld, das sie verdienten, hatte ihren konstruktiven Taten wie ihren großartigen Gesten Sinn und Bedeutung verliehen. Sie hatte ihnen als ein Gegenüber gedient (...) und als Kontrastfolie für ihre eigene Zurschaustellung von männlicher Überlegenheit und Ungebundenheit. In all dieser Hinsicht hatten sie ihre Frau gebraucht.“ (1987: 236)
Auf Seiten vor allem älterer Frauen fanden van Stolk/Wouters ein „Bild der schwächeren Frau, die von ihrem starken Mann beschützt und umsorgt wird und die zusammen mit ihm eine glückliche Familie gründet. (...) Ihr Mann war nicht nur derjenige, der sie demütigte und ihnen das Leben schwer machte, sondern zugleich auch derjenige, der ihre romantischen Ideale von einem Mann, ihr Du-Ideal von einem Ehepartner verkörperte und zu dem sie in vielen Fällen trotz allem eine affektive Bindung entwickelt hatten.“ (1987: 175f)


5. Häusliche Gewaltbeziehungen als perfekte Grundlage für die Konstruktion extremer Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit

Kommen wir nun zur den Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, wie sie im Figurationsideal der harmonischen Ungleichheit konstruiert werden.
Weiblichkeit bzw. Männlichkeit, also Vorstellungen davon, was eine richtige, wirklich "weibliche Frau" ausmacht, bzw. einen richtigen, wirklich "männlichen Mann", sind wichtige Begriffe im Rahmen des Doing-gender-Ansatzes. Da es von Männlichkeit und Weiblichkeit durchaus unterschiedliche, historisch und kulturell, sicherlich auch milieutypisch variable Vorstellungen gibt, ist besser von Weiblichkeiten bzw. Männlichkeiten zu sprechen. Gegenstand der weiteren Überlegungen sollen nun zwei traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sein und zwar der "Macht-Mann" und die - so könnte diese "Weiblichkeit" genannt werden - "Mutter-Frau".

5.1. Männer(Selbst)bilder in Gewaltbeziehungen
Wie bereits angedeutet, geht die Männerforschung nicht von einer homogenen Männlichkeit aus, sondern von einer Vielzahl unterschiedlicher Männlichkeiten, die zudem nicht gleichwertig, sondern in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Dabei wird das jeweils dominante Bild von Männlichkeit als hegemoniale Männlichkeit bezeichnet. Peter Döge (2000) konstatiert derzeit zwei hegemoniale Männerbilder, die das - man könnte sagen: - Doing gender bundesdeutscher Männer prägen, und zwar das des "Arbeits-Mannes" und des "Macht-Mannes".
Kristallisationspunkt des Bildes des Arbeits-Mannes ist die Tatsache, dass Erwerbsarbeit nach wie vor ein zentraler Bestandteil männlicher Identität ist und folglich die meisten Männer ihre Lebensbiographie an der Erwerbsarbeit und der beruflichen Karriere ausrichten (Döge 2000: 21) - "traditionelle" Männer mehr, "neue" Männer nicht mehr so ausgeprägt (Zulehner/Volz 1998: 86ff).
Männer, deren Doing gender am Bild des Macht-Mannes orientiert ist, Männer, deren Mann-Sein im Sinne des "Mächtigen Mannes" funktioniert, müssen sich ständig auch als „mächtig“ beweisen. „Dabei kollidieren die Bilder vom Mächtigen Mann mit subjektiven Machtlosigkeitserfahrungen im Alltag - die Männerforschung spricht hier von fragiler Männlichkeit. Fragile Männlichkeit wird als eine zentrale Ursache von Gewalt von Männern gegen Frauen (...) gesehen" (Döge 2000: 19).
Zur Illustration eines (Selbst)bildes als Macht-Mann im Sinne Peter Döges einige Ausschnitte aus einem Interview mit Jan (van Stolk/Wouters 1987: 230f), einem arbeitslosen 23jährigen Bauarbeiter, der seine Frau misshandelt hatte, und die zumindest zum Zeitpunkt des Interviews nicht wieder zu ihm zurückgekommen war: „Vielleicht ändert sich das ja zur Zeit, aber ursprünglich bringt der Mann das Geld rein.2 (...) Wir haben nie miteinander reden können. Ich bin auf dem Gebiet stur. Wenn ich sag, so und so, dann läuft's auch so, fertig. Das ist meine Meinung. (...) Ich hab meinen eigenen Kopf, da kenn ich nichts. (...) Wenn sie sagt: Jan, wir gehen da und da hin, dann sag ich: Nein, da gehen wir nicht hin; wo ich hingeh, entscheide immer noch ich, nicht du. (...) Sie wollte gern, dass ich mehr mit ihr schmuse, was? Also dazu hatte ich keine Lust, das hab ich nicht eingesehen. (...) Weil ich bin der Boss hier, da gibt's überhaupt nichts. Ich entscheide hier und nicht sie.“
Deutet dieses Selbstbild noch auf eine relativ stabile Vorstellung von Männlichkeit hin, so entdeckten Bram van Stolk und Cas Wouters in ihren Interviews mit Männern, deren Frauen aufgrund ihres dominanten bzw. gewalttätigen Handelns Zuflucht in einem Kriseninterventionszentrum für Mütter und Kinder suchten, bei einer Reihe von Männern durch den Weggang der Frauen Anzeichen einer eher fragilen Männlichkeit, und zwar ein geringes Selbstwertgefühl: „Diese Schwäche hatten sie vor anderen und auch vor sich selbst verdeckt, indem sie sich indifferent und autoritär aufspielten. Zuhause, gegenüber Frau und Kindern, waren sie der Herr, und das sollte jeder wissen. Durch den Weggang ihrer Frau wurden sie als machtlos entlarvt.“ (1987: 228)
Insofern ist es nur naheliegend, dass sie vor allem gegenüber anderen Männern, Freunden oder Kollegen, den „Gesichtsverlust“, den sie durch den Weggang ihrer Frau erleiden, so lange wie möglich verheimlichen. Auch hierzu ein Interviewausschnitt: „Nein, im Fußballverein hab ich wochenlang nichts davon gesagt. Ich dachte, sie kommt doch wieder zurück, und warum hätt' ich's dann sagen sollen? Mit meinen Kollegen auf der Arbeit hab ich schon gar nicht darüber geredet; warum sollte ich?“ (1987: 140) Dieses Verhalten aus der Sicht einer Frau, die bereits seit einigen Wochen mit ihren Kindern im Kriseninterventionszentrum lebt: „Mein Mann will es einfach nicht sehen. Er benimmt sich so lächerlich, eigentlich zum Mitleid kriegen. Gestern hatte ich unsere Nachbarin am Telefon, und die erzählt mir, dass er immer noch jeden Abend die Vorhänge im Kinderzimmer zuzieht.“ (van Stolk/Wouters 1987: 140)
Stolk/Wouters bilanzieren, dass diese - zumindest vorübergehend - verlassenen Männer „ihre Machtposition, die Gewalt, die sie über das Leben ihrer Frau hatten, überschätzten. Sie konnten sich nicht ausmalen, dass es für ihre Frau eine reale Alternative zu der Verbindung mit ihnen gab, sowohl materiell als auch emotional.“ (1987: 224) Auch hierzu nochmals zwei Interviewausschnitte: „Aber dann hab ich immer gedacht: Ach was, die geht doch nicht weg - wo hätte sie auch hin sollen?“ (1987: 224) Und: „Was ich dann gesagt hab? Dass sie schon wieder angeschlichen kommen würde, soo klein.“ (ebd.)

Es kann vermutet werden, dass diese Männer, deren Doing gender sich vorrangig am Bild des Macht-Mannes orientieren, weitestgehend dem "traditionellen Mann" nach Paul M. Zulehner und Rainer Volz (1998) entsprechen, ein Männertypus, der rund 20% der bundesdeutschen Männer ausmacht. Nicht sonderlich überraschend ist, dass bei diesem Männertypus die Gewaltneigung am höchsten ausgeprägt ist: Nur 36% der von Zulehner/Volz (1998: 200) als traditionell eingestuften Männer konnten als gewaltarm gelten. Bei 11% war die Gewaltneigung stark, bei 54% "mittel" ausgeprägt. Ermittelt wurde die Gewaltneigung anhand der Ablehnung bzw. Zustimmung zu Aussagen wie z.B. "Wenn eine Frau vergewaltigt wird, hat sie wahrscheinlich den Mann provoziert", "Manchmal muss man Kinder schlagen, damit sie zur Vernunft kommen" oder "Ein Mann muss sich vor den anderen auch durch Kraftakte erweisen" (Zulehner/Volz 1998: 199).

5.2. Frauen(Selbst)bilder in Gewaltbeziehungen
Nähern wir uns nun einer Antwort auf die Frage, welche positiven Identifikationsmöglichkeiten Frauen ein Beziehungsideal harmonischer Ungleichheit bietet und welche Vorstellungen von Weiblichkeit (und Männlichkeit) Frauen in einer Gewaltbeziehung einerseits leben, andererseits dadurch konstruieren. Der Versuch einer Antwort: Eine Gewaltbeziehung kann Frauen die Möglichkeit bieten, sich als „richtige Frau“ zu erweisen, bei ihrem Doing gender ein ganz bestimmtes Ideal von Weiblichkeit perfekt zu erfüllen, und zwar das Idealbild einer durch und durch mütterlichen Frau, einer "Mutter-Frau".
Margrit Brückner beschreibt in ihrer Studie über Weiblichkeit und Misshandlung (1983) Selbstbilder von Frauen in Misshandlungsbeziehungen, die nahtlos in oben beschriebenes Figurationsideal harmonischer Ungleichheit „passen“, vor allem dann, wenn auch deren Vorstellungen von ihrem Pendant, von ihrem Idealpartner, von einem (für sie) „richtigen“ Mann in die Betrachtung miteinbezogen werden.
Als konstitutive Bestandteile dieser Selbstbilder lassen sich die Mütterlichkeit herausfiltern mit dem elementaren Aspekt der Selbstlosigkeit und die Sehnsucht nach einem adäquaten Pendant, nämlich nach einem „richtigen Mann“.

Nach Margrit Brückner (1983: 59) teilen misshandelte Frauen das Gefühl, dass die Rolle der (Ehe)Frau grenzenloses Verstehen und aufopferndes „Bemuttern“ beinhaltet, mit allen Frauen der Welt - über alle Grenzen hinweg. Der zentrale Bestandteil dieser Vorstellung von Weiblichkeit ist das "Dasein für andere", wie es Elisabeth Beck-Gernsheim nennt, Vorstellungen, "die in der Frau in erster Linie das Geschlecht (das für andere da ist) sehen, während das, was Frauen sonst noch sind, tun, sein oder tun können, hinter das bloße Geschlechtsein zurücktritt." (Ostner 1986: 230)
Dieses Dasein für andere, diese Mütterlichkeit wird möglich in der Rolle der Ehefrau und Mutter, die mit der Versorgung anderer verknüpft ist. Eine Frau entspricht der Vorstellung von einer "richtigen" Frau, "indem sie sich selbst aufgibt und für andere lebt. Ihre Selbstwerdung ist das Aufgehen in anderen." (Brückner 1983: 62). Frauen - und dabei werden die Ansprüche an das Mutter-sein an alle Frauen (als potentielle Mütter) gestellt - haben dafür zu sorgen, dass alle versorgt, dass alle zufrieden sind. Dabei schließt diese Vorstellung von Weiblichkeit uneingeschränktes Verständnis und unentwegtes Versorgen und "bemuttern" aller Familienmitglieder mit ein.
Gerade ein gewalttätiger Mann erscheint nach Margrit Brückner (1983: 60) in vielen Situationen sehr verletzlich und hilflos. So werden grenzenlose mütterliche Gefühle ihm gegenüber geweckt. Diese überhöhte und oft grenzenlose Verantwortlichkeit einer Mutter überträgt sich dann auf den "kleinen Jungen" in ihrem Mann. Ein Ausschnitt aus einem Interview mit einer misshandelten Frau: "ich hatte auch manchmal auch mit dem Mitleid, weil er, wo er kleener war, verprügelt wurde, nicht viel Schule hatte, keine Ferien, nichts hatte, und das ist mir dann ab und zu in den Kopf gestiegen" (Kaiser/Spitz 1996: 54).
Durch dieses Verständnis, die Ent-Schuldigung, die Anerkenntnis der "Unschuld" ihrer Männer sind misshandelte Frauen häufig emotional besonders an ihre Männer gebunden und fühlen sich gebraucht. "Die gewalttätigen Männer geben ihren Frauen die Gewissheit, dass sie für ihre Männer von höchster Bedeutung sind, auch wenn die Männer ihre Bedürftigkeit in äußerst negativer Form ausdrücken: sie wollen die ganze Fürsorge und Zuwendung ihrer Frau, die ihnen immer zu wenig vorkommt; sie wollen nie allein gelassen werden, ihre Frau soll immer da sein; sie verhalten sich extrem eifersüchtig." (Brückner 1983: 60) Sie "brauchen" ihre Frauen. Misshandelte Frauen werden von diesen Widersprüchen in ihren Männer angesprochen: Einerseits haben sie Angst - oder anders gewendet: Respekt, gesteigert: (Hoch)achtung - vor ihrer Gewalt, ihrer "Männlichkeit", andererseits rührt ihre kindliche Hilflosigkeit an ihre Muttergefühle.
Als besonders hilflos erscheinen misshandelten Frauen ihre Männer bei Trennungsversuchen, wenn die Männer - anders als gewohnt - um ihre Frauen bitten und betteln: "Die meisten Männer der Frauen, die in Frauenhäusern Zuflucht suchen, verwenden viel Zeit und Mühe darauf, ihre Frauen zu finden und wiederzubekommen. Sie (...) versprechen sich zu bessern, schicken Liebesbriefe oder stehen den ganzen Tag vor der Tür" (Brückner 1983: 60). Auch das ruft wieder Mitleid hervor, eventuell Schuldgefühle, auf jeden Fall aber das Gefühl des Gebrauchtwerdens, des Geschmeicheltseins, der Rührung: Aussagen hierzu von Frauenhausbewohnerinnen: "Jedenfalls sind wir zurückgekehrt, weil er tagelang hoch und heilig versprach, alles würde nicht wieder vorkommen." (Kaiser/Spitz 1996: 61) "Im Frauenhaus hielt ich mich zwei Monate auf und da er mich dann so gebettelt hatte, bin ich dann wieder zurück" (ebd.). In den folgenden Ausschnitten wird explizit das Mit-Leiden der Frauen mit ihrem verlassenen Mann thematisiert: "Er ist so allein in der Wohnung und hat keine Arbeit (...), vielleicht gibt er sich Mühe, wenn wir zurückkommen, (...) beim letzten Mal hatte er Besserung versprochen" (Kaiser/Spitz 1996: 62), und: "wenn er mich betteln würde könnte ich es mir vorstellen aufgrund der Krankheit. In dem Moment denke ich nicht an die Schläge, eigentlich gar nicht an die Schläge, er tut mir leid." (Kaiser/Spitz 56)
Besonders fatal ist es, wenn die Hilflosigkeit der misshandelnden Männer die Mütterlichkeit der misshandelten Frauen gleich im Anschluss an eine Gewalthandlung anrührt: "Nächsten Tag, wenn er nüchtern war, entschuldigt der, da kniet der, da weint der, kniet der vor dem Bett, 'verzeih mir, ich weiß, dass ich jedes mal ein Schwein bin. Ich hab mich nicht in der Gewalt gehabt, bitte, bitte.' Ja, wenn der gesehen hat, wie ich aussah, da war er ruhig und ganz in sich gekehrt, weil er sich wieder eben nicht beherrschen konnte" (ebd.).
Doch dem Weiblichkeitsideal der "Mutter-Frau" folgen misshandelte Frauen nicht nur ihren Männern gegenüber. Auch die Mütterlichkeit, die sie gegenüber ihren Kindern zeigen, binden die Frauen an die Gewaltbeziehung: Viele misshandelte Frauen berichten von der Sehnsucht nach einer glücklichen, "normalen" Familie, oft "halten sie wegen der Kinder durch", was den traditionellen Vorstellungen einer vollständigen und richtigen Familie entspricht: "Naja, ich hab meistens immer nur an die Kinder gedacht. Immer, wenn irgend etwas war" (Kaiser/Spitz 1996: 63). Oder: "Ich hab auch auf die Kinder Rücksicht genommen, nuja, gut, versuchen's wir noch mal" (Kaiser/Spitz 1996: 70).

Auch wenn misshandelte Frauen akute Probleme für ihre gewalttätigen Männer übernehmen und lösen wollen, z.B. Arbeitslosigkeit oder Alkoholabhängigkeit, diese vor anderen vertuschen oder verharmlosen, nutzen sie dadurch wieder die Möglichkeit zu helfen und wiederum gebraucht zu werden, was zu einer "Sucht, gebraucht zu werden" führen kann, und zwar dann, "wenn Frauen zu sehr lieben" oder besser: meinen, grenzenlos zu lieben. So können Frauen ihre grenzenlosen mütterlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten unter Beweis stellen und sie können sich aufopfern. Dabei ist diese Aufopferung wiederum ein wichtiger Bestandteil der Mütterlichkeit. Margrit Brückner sieht im Erlangen von "Reinheit" durch Aufopferung ein entscheidendes Motiv, Gewaltbeziehungen aufrechtzuerhalten. "Weibliche Reinheit beruht auf dem Erdulden des Lebens und der Passivität den eigenen Lebensumständen gegenüber" (Brückner 1983: 65).

Auch Bram van Stolk und Cas Wouters weisen in ihrer Studie auf das Element der Mütterlichkeit hin, wenn die von ihnen interviewten Frauen zum einen immer wieder eine Verbindung herstellen zwischen dem Verhalten und Charakter ihres Mannes und seinen Kindheitserfahrungen, die durchgehend „schlecht“ waren und die die Frauen zum Verständnis für deren Gewalthandeln heranziehen (1987: 138). Zum andern, wenn es die Mütterlichkeit, die Fürsorge, das "Dasein für andere" ist, die die Frauen daran zweifeln lassen, ob eine Trennung denn auch tatsächlich „verantwortbar“ ist: „Er ist absolut unfähig, für sich selbst zu sorgen und seine Sachen selber zu machen. Er kommt damit überhaupt nicht klar (...). Er sitzt jetzt bestimmt Tag und Nacht in der Wirtschaft herum, macht eine Menge Ärger und so. Und dann denk ich irgendwo, ja, das ist auch meine Schuld, ich müsst halt zu ihm zurück. Hab ich das Recht, den Mann so ins Elend zu stürzen? Weil darauf läuft's doch in Wirklichkeit hinaus.“ (Stolk/Wouters 1987: 174f)

Zur Konstruktion des Beziehungsideals harmonischer Ungleichheit auf Seiten der Frauen bedarf es nun aber auch des Gegenparts der "Mutter-Frau", also den der Männer, die Bemutterung annehmen, erwarten und auch einfordern. Bram van Stolk und Cas Wouters stellten in ihren Gesprächen mit - nicht ausschließlich - gewalttätigen verlassenen Männern in diesem Zusammenhang eine durchgehende Angst vor dem Verlassenwerden und der Verwahrlosung fest (1987: 235ff). Nachdem ihre Frauen sie verlassen hatte, spürten sie ihre Abhängigkeit von ihnen und wurden nahezu alle überwältigt von der Angst, allein und vor allem unversorgt zurückgelassen zu werden und zu verwahrlosen und zu verkommen. "Diejenigen unter ihnen, die nicht mehr an die Rückkehr ihrer Frau glaubten, waren in der schlimmsten Verfassung - sie starrten vor sich hin, schluchzten, hegten Selbstmordpläne. Wer würde von nun an für sie sorgen? Selbst dazu waren sie unfähig. Sie wiesen darauf hin, dass sie an Haushaltsarbeit nicht gewöhnt waren, sie kostete viel Zeit und ging ihnen schlecht von der Hand. (...) Bei näherem Zusehen freilich schien es sich nicht so sehr um ein objektives 'Können' zu handeln, als vielmehr um eine gefühlsmäßige Weigerung. Sie wollten einfach nicht für sich selbst sorgen, das war nicht ihre Sache, sondern die einer Frau. Durch ihre ostentative Unfähigkeit auf diesem Gebiet schienen sie einen unbewussten Appell an ihre Frau zu richten: 'Da siehst du, dass ich es nicht kann, ich bin hilflos, komm zurück.'"(van Stolk/Wouters 1987: 243)
Hier zeigt sich ganz eindeutig auch auf Seiten der Männer das ergänzende Beziehungsideal harmonischer Ungleichheit, wenn van Stolk/Wouters in ihren Interviews eine ganz klar definierte Aufgabenteilung innerhalb der Beziehungen konstatieren: Seine Versorgung ist Sache der Frau im Haus, nicht die des Mannes, denn: „ursprünglich bringt der Mann das Geld rein“ (vgl. 5.1.).

Ein elementarer Aspekt der Mütterlichkeit als konstitutiver Bestandteil traditioneller Weiblichkeitsvorstellungen ist die Selbstlosigkeit, die Aufopferung. Diese Selbstlosigkeit kommt immer dann ganz besonders zum Ausdruck, wenn misshandelte Frauen ihr eigenes Leid zwar bereit sind zu ertragen, dann aber deutliche Grenzen setzen, wenn ihre Kinder betroffen sind. So ist die einsetzende Gewalt gegen ihre Kinder für folgende zwei Frauen der Grund, die Gewaltbeziehung zu verlassen: Er "tat mir den Jungen angreifen, ins Gesicht schlagen. Er hat ja nun nicht bloß mich geschlagen, sondern auch X jetzt. Wenn er jetzt die Kinder angreift, die Kinder bedeuten mir alles (...). Ich hab gedacht, jetzt oder nie!" (Kaiser/Spitz 1996: 73) Und Frau I: "Es war damals nach einer Szene mit Gewalt und Drohungen. Diese Gewalt bezog sich nicht nur auf mich, sondern auch auf meinen (...) Sohn." (ebd.)
Eine Frau, die bei einem "schwierigen" - z.B. gewalttätigen - kranken oder hilflosen Mann bleibt, sich auch unter schwersten Bedingungen für ihren Mann und ihre Kinder aufopfert, kann sich gesellschaftlicher Anerkennung sicher sein. Sie leidet zwar, findet aber öffentlich Lob und Bewunderung für ihre Aufopferung, indem sie gesellschaftlichen Erwartungen entspricht. Mehr noch: "Selbstlosigkeit und Leiden kann unbewusster Ausdruck von Grandiosität sein, die sich hier im Einklang mit den Vorstellungen von Weiblichkeit in der Fähigkeit zu leiden äußert. Die Phantasie der großen, ungerecht Leidenden hält die quälenden verbotenen Regungen von Aggression, Hass und Wut dem erlittenen Schicksal und dem grausamen Mann gegenüber unsichtbar. Das Selbst gerinnt zur heldenhaften Statue, die von menschlichen Regungen und Gefühlen nicht geplagt wird. Den Verzicht auf ein eigenes Leben und auf Glück fordert sich die einzelne Frau jedoch nicht nur selbst ab, sondern sie entspricht damit gesellschaftlichen Erwartungen an Weiblichkeit." (Brückner 1983: 65f)

Gesellschaftlichen und individuell internalisierten Erwartungen an Weiblichkeit stehen gesellschaftliche und ebenfalls individuell übernommene Erwartungen an Männlichkeit gegenüber. Identifiziert sich nun eine Frau mit einem wie bisher beschriebenen traditionellen Weiblichkeitsideal, stellt sich nun die Frage nach ihrem Pendant, nach einem ebenso im traditionellen Sinne männlichen Mann. Viele Frauen, deren Beziehungsvorstellungen am Figurationsideal harmonischer Ungleichheit orientiert sind, offensichtlich die Grundfiguration von Gewaltbeziehungen, scheinen die Sehnsucht nach einem richtigen Mann zu hegen unter dem Motto: Eine "richtige" Frau bracht einen "richtigen" Mann! Viele an traditionellen Weiblichkeits- (und Männlichkeits-)bildern orientierte Frauen laufen Gefahr - im wahrsten Sinne des Wortes - der Faszination des starken Mannes, des gewalt(tät)igen Mannes, einer Übersteigerung des Macht-Mannes nach Peter Döge (2000) zu erliegen. Hierzu eine Frau, die das erkannt hat: "Er wollte immer was mit Gewalt, immer Gewalt, und ich glaube, dass mich das doch auch fasziniert hat." (van Stolk/Wouters 1987: 138). Viele Frauen aus Misshandlungsbeziehungen erliegen der Faszination der ungezähmten, der gewaltigen, auch der gewalttätigen Männlichkeit. Viele Frauen sind fasziniert von der Vorstellung, einen "gewaltigen" Mann zähmen zu können, "ihr eigen" nennen zu können, von einem solchen starken Mann gebraucht zu werden. Misshandelte Frauen wünschen sich auch zukünftig keinen "Pantoffelhelden", keinen "Schlappschwanz", keine "taube Nuss", sondern: "Na ja, er soll schon ein richtiger Mann sein. Nicht so einer, dem man auf der Nase herumtanzen kann, man muss schon zu ihm aufsehen können." (van Stolk/Wouters 1987: 145)
Welche Orte in dem Gewaltbeziehungen zugrundeliegenden Figurationsideal harmonischer Ungleichheit Männern und Frauen zugewiesen sind, formuliert eine Frau folgendermaßen: "Es heißt ja, dass der Mann der Herr im Haus sein soll; also, die Frau muss ihren Platz kennen, aber der Mann auch." (van Stolk/Wouters 1987: 145)

Dass sich die an "ihrem" Mann so bewunderte "Stärke" gegen sie richten könnte, das hat sich natürlich keine Frau gewünscht. Wenn es dann so weit gekommen ist, greift ein all diese genannten Merkmale traditioneller Weiblichkeit zusammenfassender Aspekt weiblicher Sozialisation, nämlich "die weibliche Erziehung zum Erdulden und Verständnis männlicher Übergriffe als hinzunehmendem Teil weiblicher Lebenserfahrungen" (Brückner 1998: 13). Diese weibliche Erziehung zum Erdulden und Verständnis männlicher Übergriffe als hinzunehmendem Teil weiblicher Lebenserfahrungen bedingt, dass die Misshandlungen der Männer "verstanden" werden, bagatellisiert, zum Ausrutscher erklärt werden, und damit ist frau eine "richtige Frau", eine "gute Frau", die "zu ihm hält, in guten wie in bösen Tagen".


6. Fazit: Doppelt gefangen in Gender-Netzen

Diese Ausführungen sollen selbstverständlich keinesfalls bedeuten, dass Frauen für gewalttätige Beziehungen verantwortlich sind. Vielmehr sollen sie aufzeigen, wie Frauen durch ihre Identifikation mit traditionellen Weiblichkeitsvorstellungen, durch ihr Denken und Handeln nach traditionellen weiblichen Mustern, durch ihre Bestätigung und Ergänzung traditionell männlicher Muster an der Aufrechterhaltung auch häuslicher Gewaltbeziehungen beteiligt sind, wie sie durch die Übernahme und das Ausleben traditioneller sexistisch geprägter Vorstellungen, wie sie durch ihr Doing gender zu Mittäterinnen werden - gefangen in Gender-Netzen.

Gender-Netze bedeuten für misshandelte Frauen eine doppelte Gefangenschaft: Misshandelte Frauen sind zum einen gefangen in traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit (und Männlichkeit), was einerseits ihr eigenes Fremd- und Selbstbild anbelangt, andererseits ihr Bild von einem für sie „passenden“ Partner. Zum anderen sind sie gefangen in einem diesen traditionellen Geschlechteridentitäten entsprechenden Beziehungsideal der harmonischen Ungleichheit. Dadurch sind Frauen gefangen in Gender-Netzen, die sie in die Lage des Opfers bringen z.B. in einer Gewaltbeziehung.
Diese Gender-Netze halten sie darüber hinaus aber noch fester gefangen, indem sie ihnen für ihr Opfer-Sein, dafür, dass sie den Opfer-Part in einer häuslichen Gewaltbeziehung "übernehmen" und "aushalten" auch noch "Belohnungen" versprechen. Diese Belohnungen sind positive Identifikationsmöglichkeiten, und zwar das "gute Gefühl", das Bewusstsein, alles getan zu haben, um dem Bild einer "richtigen Frau" zu entsprechen, die Vorstellungen von einer "Frau, die zu ihm hält in guten wie in bösen Tagen", tatsächlich perfekt erfüllt zu haben.
Dabei bleibt es nicht bei dem individuellen „guten Gefühl“ einzelner Frauen, spezifische Vorstellungen traditioneller Weiblichkeit erfüllt bzw. extreme Vorstellungen von Männlichkeit unterstützt zu haben: Solange solche Vorstellungen immer noch grundlegende Bestandteile der Geschlechteridentitäten in unserer Gesellschaft sind und dadurch selbstverständlich auch die Grundlage liefern für die Konstruktion von persönlichen Beziehungen - in diesem Fall Gewaltbeziehungen! -, solange können sich diese Frauen nicht nur der Selbstachtung, sondern auch der Achtung durch andere sicher sein.
An dieser Stelle noch einmal die Aussage von Bram van Stolk und Cas Wouters (1987: 149): „ein Ich-Ideal weiblicher Untergebenheit in der Ehe ermöglicht diesen Frauen den Erwerb von Achtung und Selbstachtung, während ein Du-Ideal des übergeordneten Mannes Ansprüche an Männer stellte, mit denen diese ihre Vorrangsposition legitimieren konnten.“ Dieser Mechanismus funktioniert auf Seiten traditionell orientierter Frauen ganz offensichtlich ohne jegliche Begrenzung: uneingeschränkte weibliche Untergebenheit - also auch in Gewaltbeziehungen - als Bestandteil des weiblichen Selbstbildes bedingt Selbstachtung, uneingeschränkte weibliche Untergebenheit als Bestandteil eines gesellschaftlich vermittelten traditionellen weiblichen Fremdbildes garantiert Achtung durch andere.
Auf Seiten der Männer dagegen scheint offensichtlich einiges nicht mehr zu funktionieren: Zwar legitimiert eine übergeordnete Stellung als Bestandteil eines traditionellen männlichen Selbstbildes selbstverständlich die Vorrangsposition des Mannes und offensichtlich auch immer noch männliches Gewalthandeln: Anders lassen sich die bereits zitierten items zur Ermittlung männlicher Gewaltneigung: "Manchmal muss man Kinder schlagen, damit sie zur Vernunft kommen" oder "Ein Mann muss sich vor den anderen auch durch Kraftakte erweisen" (Zulehner/Volz 1998: 199), nicht erklären. In männlichen Fremdbildern wird Gewalthandeln von Männern allerdings zunehmend geächtet. Als Indiz hierfür kann auf das zu Beginn des Jahres 2002 in Kraft getretene Gewaltschutzgesetz verwiesen werden, auf die zunehmenden Kampagnen und Maßnahmen gegen Männergewalt (vgl. z.B. Heiliger/Hoffmann 1998) oder auch auf die außerordentlich schwach ausgeprägte Gewaltneigung bei den "neuen" Männern - bei keinem einzigen fand sich eine starke, und nur bei 9% eine mittlere Gewaltneigung (Zulehner/Volz 1998: 24).

Findet eine Ächtung extremer Ausprägungen des Macht-Mannes offensichtlich zunehmend statt, müssen Frauen ermutigt werden, übersteigerte Ausprägungen der Mutter-Frau, extreme Ansprüche - eigene und fremde - an ihre Mütterlichkeit, an ihr damit zusammenhängendes grenzenloses Verstehen und ihre uneingeschränkte Selbstlosigkeit zurückzuweisen. Solange solche Vorstellungen und Ansprüche immer noch grundlegende Bestandteile des Doing gender von Frauen sind, solange entsprechen Frauen gesellschaftlichen Erwartungen an Weiblichkeit einzig und allein durch ihren Verzicht auf ein eigenes Stück Leben, auf Glück, so wie sie es sich vorstellen, ohne Vorgaben von Mann, Kind und Gesellschaft.



zurück
        

1 Welche Konsequenzen das Durchbrechen solcher Denkverbote hatte, berichtet Murray A. Straus (1999: 18), der Ende der siebziger Jahre in empirischen Untersuchungen zu dem Ergebnis kam, dass Frauen Ihre Partner sowohl in ehelichen wie in nichtehelichen Beziehungen oder auch bei Verabredungen genauso häufig misshandelten wie Männer ihre Partnerinnen (Steinmetz 1978, Straus/Gelles/Steinmetz 1980). Dies hatte für ihn und seine damalige Kollegin Suzanne Steinmetz die Folge, nicht nur "to be excommunicated as feminists" (ebd.), sondern auch bedroht zu werden, bis hin zu einer erhaltenen Bombendrohung.

2 Diese Aussage kann gleichzeitig zur Untermauerung der Affinität dieses interviewten Männer zum Figurationsideal der harmonischen Ungleichheit dienen, indem hier eindeutig geschlechtstypische Zuständigkeiten definiert werden: der Mann verdient das Geld, das er „rein“ in die Familie, zur Frau trägt. Ebenso ist dieser Ausschnitt ein wichtiger Hinweis darauf, wie sehr die unterschiedlichen Männlichkeiten, die Döge konstatiert, doch miteinander verknüpft sind, wie sehr das Bild des Arbeits-Mannes doch Teil des Macht-Mannes ist, was umgekehrt sicherlich nicht zwingend der Fall sein muss.


        

Literatur

Brückner, Margrit (1983), Die Liebe der Frauen. Über Weiblichkeit und Misshandlung. Frankfurt a.M.: Verlag Neue Kritik

Brückner, Margrit (1985), Weibliche Verstickungen in Liebesbeziehungen am Beispiel von misshandelten Frauen. In: Sektion Frauenforschung in den Sozialwissenschaften der DGS (Hg.), Frauenforschung. Beiträge zum 22. Deutschen Soziologentag, Dortmund 1984, Frankfurt/New York: 90-103

Brückner, Margrit (1996), Frauen- und Mädchenprojekte. Opladen: Leske + Budrich

Brückner, Margrit (1998), Wege aus der Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Eine Einführung. Frankfurt am Main: Fachhochschulverlag

Cizek, Brigitte, Olaf Kapella, Johannes Pflegerl und Maria Steck (2002), Gewalt gegen Männer. Teil III des Berichtes Gewalt in der Familie des Bundesministeriums für soziale Sicherheit und Generationen. Wien

Döge, Peter (2000), Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik. Männerforschung, Männerpolitik und der "neue Mann“. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B 31-32: 18-23

Frohnhaus, Gabriele, Barbara Grotkamp-Schepers und Renate Philipp (Hg.) (1998), Schwert in Frauenhand. Weibliche Bewaffnung. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Essen: Klartext-Verlag

Gravenhorst, Lerke und Carmen Tatschmurat (1990) (Hg.), Töcherfragen. NS-Frauengeschiche. Freiburg i.Br.: Kore

Heiliger, Anita und Steffi Hoffmann (1998) (Hg.), Aktiv gegen Männergewalt. Kampagnen und Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen international. München: Frauenoffensive

Kaiser, Ilka und Manuela Spitz (1996), "Meine Geduld ist jetzt zu Ende!". Misshandelte Frauen berichten über ihre Gewalterfahrungen in der Partnerschaft - eine Auswertung von Interviews. Diplomarbeit am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Zittau/Görlitz. Görlitz

Knapp, Gudrun-Axeli (2000), Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht. In: Becker-Schmidt, R. G. Knapp, Feministische Theorien. Zur Einführung. Hamburg: 63-102

Lenz, Karl (1998), Soziologie der Zweierbeziehung: eine Einführung. Opladen: Westdeutscher Verlag

Lenz, Karl (2000), Im ehernen Gehäuse der Kultur: Geschlechterkonstruktion in heterosexuellen Zweierbeziehungen. In: Brückner, M., L. Böhnisch (Hg.), Geschlechterverhältnisse. Weinheim, München: 179-201

Mühlen Achs, Gitta (1998), Geschlecht bewusst gemacht. Körperliche Inszenierungen - Ein Bilder- und Lesebuch. München: Frauenoffensive

Ostner, Ilona (1986), Patriarchat. In: Schäfers, B. (Hg.), Grundbegriffe der Soziologie, Opladen: 228-230

Schröttle, Monika (1999), Politik und Gewalt im Geschlechterverhältnis. Eine empirische Untersuchung über Ausmaß, Ursachen und Hintergründe von Gewalt gegen Frauen in ostdeutschen Paarbeziehungen vor und nach der deutschen Wiedervereinigung. Bielefeld: Kleine Verlag GmbH

Steinmetz, Suzanne (1978), The battered husband syndrome. In: Victimology 2: 499-509

Straus, Murray A., Richard J. Gelles und Suzanne Steinmetz (1980), Behind closed doors. Violence in the American Family. New York: Doubleday

Strauss, Murray A. (1999), The controversy over domestic violence by women. A Methodological, Theoretical, and Sociology of Science Analysis. In: Arriaga, X and S. Oskamp (Hg.), Violence in intimate Relationships. Thousand Oaks/London/New Delhi 1999: 17-44

Thürmer-Rohr, Christina (1984), Der Chor der Opfer ist verstummt. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 11: 71-84

Thürmer-Rohr, Christina (2000), Gedächtniskultur - Entwicklungen und Konsequenzen feministischer Kritik von den sechziger bis zu den neunziger Jahren. Unveröffentlichtes Vortragsmanuskript

Van Stolk, Bram und Cas Wouters (1987), Frauen im Zwiespalt. Beziehungsprobleme im Wohlfahrtsstaat. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Villa, Paula-Irene (2000), Das Subjekt Frau als Geschlecht mit Körper und Sexualität - Zum Stand der Frauenforschung in der Soziologie. In: Soziologie 3: 20-35

Zulehner, Paul M. und Rainer Volz (1998), Männer im Aufbruch. Wie Deutschlands Männer sich selbst und wie Frauen sie sehen. Ein Forschungsbericht. Ostfildern: Schwabenverlag

Letzte Änderung:30. September 2015

Kontakt

Postanschrift:
Hochschule Zittau/Görlitz
Postfach 300 648
02811 Görlitz

Besuchsadresse:
Hochschule Zittau/Görlitz
Hermann-Heitkamp-Haus
Zimmer 2.09
Furtstr. 2
02826 Görlitz

Tel.: 03581/ 374 4238
Fax: 03581/ 48 28 191

Mail: u.graessel@hszg.de

Anmelden
Direktlinks & Suche