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18. Mai 2020

"Deshalb ist Görlitz bisher glimpflich davon gekommen"

Pressespiegel: Prof. Raj Kollmorgen im Interview zu den geringen Corona-Fallzahlen im Landkreis Görlitz (Sächsische Zeitung, 15.05.2020).


Raj Kollmorgen ist Professor für Management sozialen Wandels an der Hochschule Zittau/Görlitz.
Quelle Screenshot SZ Artikel, Foto: Archiv SZRaj Kollmorgen ist Professor für Management sozialen Wandels an der Hochschule Zittau/Görlitz.

Der Kreis Görlitz ist oft Schlusslicht. Dieses Mal aber im positiven Sinne. Bei den Corona-Fallzahlen liegt der Kreis im bundesweiten Vergleich ganz weit hinten. 25 Personen sind aktuell mit Covid-19 infiziert, 268 waren es seit Beginn der Pandemie. Warum Görlitz in der Krise bislang so glimpflich davongekommen ist, erklärt Raj Kollmorgen, Soziologe an der Hochschule Zittau/Görlitz.


Herr Kollmorgen, halten wir uns im Kreis besonders gut an Schutzmaßnahmen oder welche Gründe sehen Sie für die vergleichsweise niedrigen Fallzahlen derzeit?
Dass gerade die Oberlausitzer besonders diszipliniert sind, ist doch eher unwahrscheinlich. Wichtiger scheint mir sowohl unsere geografische Lage als auch unsere Bevölkerungsstruktur. Die Menschen in unserem Landkreis sind vielfach weniger mobil als die etwa in Leipzig und fahren auch nicht massenhaft in die italienischen Skigebiete.

Warum nicht?
Unsere Region weist heute, nicht zuletzt wegen der Abwanderung der letzten drei Jahrzehnte, weniger mobile und höherqualifizierte Menschen auf als die städtischen Ballungszentren. Wir wissen auch, der Kreis Görlitz gehört deutschlandweit nicht nur zu jenen mit dem niedrigsten Bruttoeinkommen, sondern weist auch einen der höchsten Altersdurchschnitte auf. Einkommen und Alter sind aber neben der Bildung zwei wesentliche Faktoren bei Mobilitätsmustern. Um es zuzuspitzen: Der typische Oberlausitzer neigt nicht dazu oder kann es sich nicht leisten, im Februar oder März nach Ischgl oder ins französische Colmar in den Urlaub zu fahren. Vielmehr leben die Menschen in unserer Region vielfach auf dem Land, besitzen Häuser und Gärten und verbringen ihre Freizeit vor Ort. Man begegnet sich zwar in den kleinen Gemeinschaften öfter, fährt aber sonst nicht ständig durch die Gegend. Die Anzahl der Kontakte außerhalb der engeren Arbeits- und Lebenswelten ist damit geringer.

Allerdings gehören die Menschen hier zu denen, die am meisten pendeln. Auf beiden Seiten der Neiße. Wie viele das sind, wurde deutlich, als die Grenze durch Polen geschlossen wurde.
Auf der einen Seite sehe ich gerade unsere periphere Grenzlage als nicht zu unterschätzende Ursache für die geringen Fallzahlen. Auch nach der Schengenraum-Öffnung war der Wunsch, Polen als Reiseland zu erobern, nicht sonderlich ausgeprägt. Polen ist außerdem ein Land mit den niedrigsten Infektionszahlen in Europa, von dem wir durch die rasche Grenzschließung auch weitgehend abgeschnitten sind. Bei den Berufspendlern, die aus Polen nach Deutschland fahren, ist zu bedenken, dass die meisten nicht im Kreis arbeiten, sondern weiter im Westen. Unsere Region ist insofern eher ein wichtiger Transitraum. Auf der anderen Seite: Ja, wir haben den beachtlichen Anteil von etwa 4.000 Personen mit polnischer Staatsbürgerschaft, die in Görlitz wohnen und weitere, die in der Region arbeiten. Es gibt aber einen Unterschied zum Grenzgebiet mit Frankreich: Dort ist nicht nur der Austausch intensiver. Vor allem waren dort die Hotspots des Ansteckungsgeschehens. Das hatten wir bei uns, auf polnischer und tschechischer Seite bekanntlich nicht.

Wie sinnvoll war es dann seitens Polen, die Grenze zu schließen?
Das war einerseits das Ergebnis von Verunsicherung, andererseits Symbolpolitik. Das ist nicht meine Privatmeinung, sondern wurde von Epidemiologen mehrfach thematisiert: Die Frage ist, ob es diesseits und jenseits der Grenze ein erhebliches Gefälle beim Ansteckungsrisiko gibt. Wenn auf der einen Seite ein pandemischer Hotspot liegt, auf der anderen Seite aber nicht, dann ist die Grenzschließung ein probates Mittel, um Ansteckungsketten abzubrechen. Wenn das aber – wie bei uns – nicht der Fall ist, dann sind die wirtschaftlich-sozialen Folgeschäden höher zu veranschlagen als das grenzüberschreitende Verbreitungsrisiko.

Andere Richtung, nach Bautzen. Die soziodemografischen Grundlagen dürften sich nicht sehr von unseren unterscheiden. Dennoch ist die Zahl der Infektionen im Kreis Bautzen derzeit deutlich höher. Haben Sie eine Erklärung?
Ich sehe zwei Erklärungsansätze. Zum einen können singuläre Ausbruchsherde die gesamte Statistik beeinflussen. Das haben wir auch bei uns gesehen, als zwei Pflegeheime im Norden des Kreises betroffen waren. Deshalb muss man bei der Beurteilung von Verbreitungsdynamiken in einzelnen Kreisen vorsichtig sein, sich mögliche Ausreißer anschauen und längerfristig beobachten.
Punkt zwei: Tatsächlich unterscheidet sich der Kreis Bautzen auch sozidemografisch vom Kreis Görlitz. Die Bevölkerung ist etwas jünger, die Wirtschaftsstruktur eine andere. Vor allem aber: Es gibt mehr Pendler nach Dresden, wo die Fallzahlen deutlich höher sind. Dabei steigt das Ansteckungs- und Verbreitungsrisiko je näher man der Landeshauptstadt kommt.

Könnten wir mit unseren Bedingungen also früher mit Lockerungen starten als Zwickau, dem sächsischen Hotspot?
Das ist schwierig. Auf der einen Seite ja. Ich bin dafür, bei den Maßnahmen – wenigstens auf Ebene der Bundesländer und Regionen – zu differenzieren. Aber es kommt darauf an, wie man das kontrolliert, um den Export oder Import eines Infektionsgeschehens zu vermeiden. Das ist schon auf der Kreis-, aber sicher auf der Gemeindeebene kaum zu leisten. Ich wäre deshalb nicht dafür, die Entscheidung über konkrete Pandemieregeln einzelnen Städten oder Gemeinden zu überantworten oder an Kreisgrenzen festzumachen. Wir hatten jetzt schon die Beispiele mit Ausbrüchen nah an kommunalen Grenzen. Es ist offenkundig unsinnig, dann in einem Ort alles dicht zu machen, im Nachbarort aber alles offen zu halten. Eine solche Politik könnte die Verbreitung sogar beschleunigen, weil viele dann in der Nachbargemeinde einkaufen gehen oder sich ins Café setzen.

Am Wochenende gab es in Görlitz an drei Stellen Proteste gegen die Corona-Maßnahmen. Manche scheinen sich vor Willkür und Panikmache zu sorgen, andere hören sich eher nach Corona-Leugnern an. Welchen Einfluss haben die geringen Fallzahlen auf diese Proteste?
Ich habe großes Verständnis dafür, dass Kleinunternehmer, Freiberufler, Mittelständler – die jetzt besonders betroffen sind – ihre Interessen artikulieren. Das finde ich richtig und urdemokratisch. Der Sinn unserer Demokratie besteht genau darin, dass Ideen und Interessen vorgetragen und in die politischen Prozesse eingebracht werden. Problematisch wird es, wenn diese legitimen Positionen mit genereller Systemablehnung und Verschwörungstheorien verknüpft werden. Klar ist auch, dass die Menschen in Bergamo oder andernorts, wo das Virus wütete, eher bereit waren, sich in Isolation zu begeben. Bei den vergleichsweise wenigen Fällen in unserer Region ist es plausibel, wenn die Leute drastische Freiheitseinschränkungen und eine Machtfülle des Staates über längere Zeit nicht akzeptieren wollen. Allerdings, das war und ist in Deutschland – anders als etwa in Spanien – nicht die Realität. Unser demokratischer Staat hat funktioniert und ist seiner Sorgepflicht nachgekommen. Er hat in der Krise auch ganz überwiegend mit Augenmaß gehandelt. Gerade, wenn ich mir andere Staaten anschaue, bin ich sehr froh, in der Bundesrepublik zu leben.

Ist es nicht dennoch auffällig, trotz allem Verständnis, dass ausgerechnet wieder AfD-Mitglieder vornweg laufen?
Ich finde das sehr nachvollziehbar. Die AfD hat ja seit 2015 Elitenkritik, Institutionsmisstrauen und selbst Verschwörungsgeschichten lautstark artikuliert. Keineswegs sind alle, ja vermutlich nicht einmal der Großteil der Protestierenden AfD-Mitglieder oder auch nur Unterstützer. Aber dass sich die Partei jetzt also in die Proteste einreiht oder sie sogar mit organisiert, entspricht ihrem Gestus, ihren Grundorientierungen und ist hochgradig plausibel. Ich habe mich schon gefragt, warum das so lange gedauert hat und erst jetzt als Strategie intensiver verfolgt wird. Allerdings sollten wir aufpassen, diese Proteste angesichts der bisherigen Größenordnung – zweistellige bis dreistellige Teilnehmerzahlen – nicht so hochzujazzen. Wenn wir die Zahlen zur Gesamtbevölkerung ins Verhältnis setzen, zeigt sich, dass hier keineswegs die Mehrheit unterwegs ist. Es ist eine Gruppe, die hörbar ist und mit der wir uns demokratisch auseinandersetzen müssen. Aber es sind in unserer Region nicht 5.000 oder gar 50.000, die gegen die Pandemie-Politik des Freistaates oder der Bundesregierung auf die Straße gehen.

 

Das Interview erschien am 15.05.2020 in der Sächsichen Zeitung, Lokalausgabe Görlitz und Niesky. Hier finden Sie das Original zum Download als PDF.

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