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Ost-West-Kolleg

19. Jun. 2018

In der fünften Veranstaltung der Ringvorlesung mit der Thematik „Der ostmitteleuropäische Raum: Alte und neue Grenz(überschreitung)en“ berichtete am 17. Mai 2018 Professor Dr. Manfred Jödecke von der Hochschule Zittau/ Görlitz, Fakultät der Sozialwissenschaften vor rund 35 Interessierten über eine verhaltenshermeneutische Rekonstruktion des Sowjetmenschen.

Er selbst hatte in der Sowjetunion an einer kulturhistorischen Hochschule für Psychologie studiert und konnte somit über einen mehrjährigen Aufenthalt in Moskau berichten. In diesem Zusammenhang bezeichnete er sich selbst humorvoll als einen „sowjet-russifizierten Deutschen“. Das in der Überschrift von Galilei stammende Zitat und das klassische Heldenprinzip (Abenteurer, Eroberer) wurden in Zusammenhang mit dem typischen Sowjetmenschen (Held der Arbeit, des Krieges) gebracht und verglichen.

Die Präsentation beinhaltete unter anderem die Entwicklungsbeziehungen der Verhaltenshermeneutik, welche Problem, Weg und Methode analysieren. Dabei wurde beispielsweise auf das Erleben, das Nicht-Erfüllen von Bedürfnissen und daraus entstehende problematische Verhaltensweisen eingegangen. Weiterhin berichtete der Referent vom „Verhalten als Ausdruck von Sinn“, welcher sich im Dialog erschließt, wie auch über die „Objektivation des menschlichen Geistes“ und gelingende Interpretation zum Verstehen sozialer Entwicklungssituationen. Zum besseren Verständnis wurde ein kurzer Filmausschnitt aus „Gaby - eine wahre Geschichte“ aus dem Jahre 1987 gezeigt und von Professor Jödecke Momente der hermeneutischen Perspektive als einer Psychologie des Verstehens erläutert.

Der Zivilisationsentwurf der Sowjetunion (1922-1991) führte zu spezifischer Ausprägung menschlicher Verhaltensweisen. Die im Westen weitgehend unverstandene conditio des Sowjetmenschen sollte in diesem Vortrag wieder in ein rechtes Licht gerückt werden. Professor Jödecke wies auf die Anwendung des chronotopischen Ansatzes hin, welcher einen Anfang bilden könnte (verstanden als zeitliche und räumliche Verschränkung im Ereignis).

Im Folgenden las Professor Jödecke einen Auszug aus dem Buch Karl Schlögels „Das sowjetische Jahrhundert“ vor, um einen Eindruck über einen chronotopischen Ansatz mittels Zeitzeugenschaft zu vermitteln. Es wurde beispielsweise über Kommunalkas und deren Benachrichtigungssysteme in Form von Klingelzeichen berichtet. Als ein weiteres Beispiel zur chronotopischen Vergegenwärtigung stellte der Referent den Wissenschaftler Alexei N. Leontjew als Verkörperung der sowjetischen Intelligenz vor.

Unter dem Punkt „Sowjetmenschen auf der Suche nach conditio humana“ erhielten die Zuhörer Empfehlungen zu Publikationen des Schriftstellers Wladimir Tendrjakow, welcher unter anderem „Menschen oder Unmenschen (Novellen)“ veröffentlichte. Nach Trendjakow nahm der Sowjetmenschen den Mensch als abstraktes Wesen wahr und nicht als einen Mensch mit Bedürfnissen, der einen selbstbestimmten Lebensentwurf hat.

Schließlich wurde noch auf Jurij Levadas „Sozialdiagnose und Soziogramm des Homo Sovieticus“ (2013) verwiesen. Dabei handelt es sich um eine wissenschaftliche Betrachtung auf Basis empirischer Sozialforschung, die den Sowjetmenschen bezüglich erzwungener Selbstisolation, staatlichem Paternalismus, egalitarischem Hierarchieverständnis und imperialem Syndrom betrachtet. Zum Abschluss nahm Professor Jödecke noch einmal Bezug auf seinen Ausgangspunkt, dass sich der Sinn im Dialog erschließe. Anstatt Grenzen gegenüber Sowjetmenschen zu ziehen und Unverständnis zu zeigen, sollte über Dialoge versucht werden, sie zu verstehen.

Die abschließende Diskussionsrunde beschäftigte sich mit Verständnisfragen über genauere Definitionen zum Bild des Sowjetmenschen sowie dessen Idealisierung und Romantisierung. Professor Jödecke verwies hierbei auf die klare Ansprache, das Formulieren, Überdenken/Hinterfragen und Aufheben von Kritik gegenüber eines Sowjetmenschen.

 

Bericht:

Bernadet Bresan und Anne-Marie Steiger, Studentinnen des Studiengangs Soziale Arbeit

 


Kontakt:

Cornelia Müller

E-Mail: C.Mueller@hszg.de

Tel.: 03581 3744274

Letzte Änderung:24. Februar 2017

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